34. Der Wettkampf

Wettkampf | Foto: © Feenstaub - Fotolia.com
Wettkampf | Foto: © Feenstaub - Fotolia.com

Sonntag. Ich traf Walter im Kaffeehaus und hatte die Absicht, ihm zu sagen, dass ich mich auch in Maria verschossen hatte. Keine leichte Aufgabe. Aber ich wollte es ihm unbedingt selbst mitteilen, das bin ich meinem Freund einfach schuldig.

Nach einigem belanglosen Hin und Her kam ich zum eigentlichen Grund des Treffens: „Du, ich muss dir etwas sagen. Ich habe mich auch in Maria verliebt.“

Walter reagierte äußerlich relativ gelassen. Innerlich verfluchte er mich allerdings auf das Heftigste.

„Ich hoffe, du kündigst mir nicht deine Freundschaft auf, wenn ich Erfolg haben sollte“, setzte ich fort.

Walter überlegte und schwieg. „Ich weiß es noch nicht. Ich will Maria, das weiß ich“, antwortete er nach einiger Zeit. Wieder unangenehmes Schweigen. „Der Bessere möge gewinnen“, schloss Walter ab.

Ich weiß auch nicht, was ich eigentlich von dem Treffen erwartet hatte. Einerseits fühlte ich mich etwas erleichtert, hatte mein schlechtes Gewissen beruhigt, aber andererseits war das natürlich eine Kampfansage von Walter. Na gut, dann werde ich um Maria eben kämpfen – gegen Walter.

Wir beschlossen, einen Mehrkampf zu machen. Der Gewinner sollte dann um Marias Herz allein weiter kämpfen.

Den ersten Kampf gewinnt derjenige, der mit dem Auto am schnellsten am Leibnitzer Hauptplatz ankommt. Beim Café Krainer wurde gestartet. Walter hatte zwar mit dem Minivan ein kleines Handicap, mein Mazda 323 war einfach schneller, aber er ist der bessere Autofahrer. Wir baten die Kellnerin um das Startzeichen. 3 … 2 … 1 … los!

Walter parkte schneller aus als ich, war vor mir. Ich klebte an seiner Stoßstange. Wäre doch gelacht, wenn ich ihn nicht überholen könnte! Nach dem Ortsgebiet war die Strecke sehr kurvenreich, da hatte man keine Chance.

Erste lange Gerade. Wir stiegen beide voll aufs Gas, ich scherte aus, setzte an, um zu überholen – Gegenverkehr, ich schwenkte wieder ein. Walter bremste bei den Kurven sehr spät, ging volles Risiko ein. Die Reifen quietschten.

Wieder ein Ortsgebiet. Kurven. Ich fuhr dicht hinter Walter. Dann bremste er relativ scharf und bog rechts ab. Ich fuhr gerade aus weiter. „Aha. Der glaubt, dass der Weg schneller ist“, dachte ich. „Aber nicht mit mir!“ Ich trat voll aufs Gas, raste halsbrecherisch nach Leibnitz.

Meine Rekordzeit: 22 Minuten, nicht schlecht. Aber Walter war trotzdem schneller. Um eine Minute! Er führte mit 1:0.

Ich gratulierte ihm, wir gingen etwas essen. Danach spielten wir eine Runde „Mensch ärgere dich nicht“ um Maria. Ich hatte Würfelglück und gewann. 1:1, Ausgleich.

Der nächste Wettkampf war hart. Wir fuhren nach Graz und gingen in eine Schwulendisco. Die Disco ist an und für sich nicht zu unterscheiden von einer normalen Disco. Nur die Besucher sind alle herrlich kostümiert und verkleidet. Walter und ich waren relativ normal angezogen. Aufgabe war es, sich von einem fremden Mann aufreißen und küssen zu lassen. Aber man durfte nicht selbst aktiv werden.

Walter bestand auf diesen Kampf. Eine blöde Idee. Was taten wir hier überhaupt? Ich stand an der Bar und betrank mich. Einen Mann küssen? Sich von einem Mann küssen lassen? Warum lehnte ich das nicht von vornherein ab?

Der Abend verging, und wir wurden beide nicht aufgerissen.

Am nächsten Tag mussten wir Fotos von Maria machen, sie durfte aber nicht merken, dass sie fotografiert wird. Das beste heimliche Foto sollte gewinnen. Die Jury bestand aus der Kellnerin im Café Krainer. Walter stieg aufs Dach des Nachbarhauses von Maria und harrte dort aus. Er wartete darauf, dass sie aus dem Haus kam.

Das hatte ich mir schon gedacht, dass er das Dach auswählen und sich dort verstecken würde. Ich rief Maria an und telefonierte mit ihr stundenlang. Walter gelang es aber doch, ein Foto durchs Fenster von ihr zu machen.

Ich fotografierte sie versteckt bei ihrer Chorprobe am Nachmittag. Die Kellnerin entschied, dass Walter das bessere Bild von ihr gemacht hätte, und ich war beleidigt.

2:1 für Walter. Er hatte sicher die Kellnerin bestochen, grrr!

Am nächsten Tag stand die Mutprobe auf dem Programm. Ich musste mir ohne Spritze einen Zahn reißen lassen. Der Arzt fragte mich mehrmals, ob ich denn auch sicher sei, keine Spritze zu wollen. Zerknirscht sagte ich, dass er es schnell machen und keine dummen Fragen stellen solle. Was für eine Tortur! Und dann bekam ihn der Zahnarzt auch nicht sofort heraus! Diese Schmerzen!

Walter ging gar nicht zum Zahnarzt, so ein Feigling! 2:2.

Am nächsten Tag mussten wir früh aufstehen, es ging auf die Jagd. Wer das größere Tier schießt, gewinnt den Punkt. Ich wusste gerade, wie man ein Gewehr lädt bzw. hält. Aber ein Tier erschießen? Aber einmal ist immer das erste Mal.

Ich wanderte durch den Wald, Nebelschwaden. Ich suchte mir einen Platz, wo ich lauern konnte. Stundenlang lag ich da, aber es tat sich absolut nichts. Dann hörte ich etwas! Kracks! Da war doch etwas! Ein Hase! Anvisiert, abgedrückt, getroffen, erschossen! Ha! War doch gar nicht so schwer!

Ich ging zurück zum Auto, Walter wartete schon auf mich. Stolz präsentierte ich den Hasen. Walter lächelte überlegen. Verdammt! Hatte er vielleicht ein Reh erwischt? Oder gar ein Wildschwein? Walter lächelte weiter. Ich komme nie darauf, sagte er, und er war selbst sehr überrascht. Er hatte einen Löwen geschossen. Was? Ich glaubte ihm kein Wort. Dann öffnete er den Kofferraum vom Minivan, da lag tatsächlich ein toter Löwe drinnen. Frisch geschossen! 3:2 für Walter. Ich fluchte.

Aber beim nächsten Wettkampf hatte Walter keine Chance. Es ging darum, eine Frau zu verhexen. Er schaffte es ja nicht einmal, mit seinen Gedanken eine brennende Kerze auszulöschen. Ich verwandelte die Kellnerin vom Café Krainer in eine kleine, giftige, grüne Kröte. Das hatte sie nun davon! Mir bei den Fotos in den Rücken zu fallen! 3:3.

Letzter, alles entscheidender Wettkampftag. Wer heute gewinnt, hat alles gewonnen.

Reporter: „Wir melden uns hier live aus Eibiswald, meine Damen und Herren, ich darf Sie recht herzlich begrüßen. Heute ist es so weit, heute wird es passieren, das Duell der Giganten. Das Medieninteresse ist unglaublich groß, 120 Kamerateams verfolgen das Ereignis.

Und hier trifft er ein, der Herausforderer im grünen Trikot! Georg Goldhamster. Beim heutigen Arztcheck brachte er 73 Kilo auf die Waage, ein ausgezeichnetes Kampfgewicht! Was für ein Lächeln, was für eine Erscheinung! Und man sieht es ihm direkt an, er will es heute schaffen. Er will Walter Hufeisen besiegen. Und in wenigen Sekunden wird es losgehen!

Aha, ich erfahre gerade von der Regie, dass wir noch ein bisschen warten müssen. Die Windbedingungen sind noch nicht optimal. Da bleibt mir noch etwas Zeit, etwas über den Austragungsort zu erzählen. Eibiswald ist ja der älteste Ort der Welt, man hat vor kurzem 15.000 Jahre alte Artefakte ausgegraben. Auch Banken haben in diesem Ort eine lange Tradition. Die „Bankraub Master Challenge“ findet hier heuer bereits zum 10. Mal statt. Hufeisen hat 23.050,– Euro vorgelegt, die muss Goldhamster übertreffen.

Aha, nun ist es so weit, wie mir die Regie eben mitteilt. Wir sind ja alle schon gespannt wie ein Fidschepfeil, wie man so schön sagt. Der Schiedsrichter nimmt nun die Auslosung vor. Welche Bank wird ausgewählt werden? Insgesamt stehen fünf zur Verfügung. Das Los entscheidet für die Postbank. Und gleich ertönt der Startschuss!

Goldhamster ist gestartet! Die Zeit läuft! Die Jahresbestmarke liegt bei 87.023 Euro in einer Zeit von 2 Minuten 42, sie wurde aufgestellt vom Bulgaren Iwanowitsch Pschtoraw in Linz. Es ist fraglich, ob das heute übertroffen werden kann, aber wir werden sehen.

25 Sekunden sind bereits vergangen. Goldhamster kommt mit seinem Fluchtwagen vor der Post an. Jetzt die erste Zwischenzeit, 29 Sekunden, damit ist er vorne dabei. Goldhamster betritt die Bank. Er hat sich eine grüne Clownmaske aufgesetzt – passend zum Trikot. Und gleich werden wir sehen, wie die Leute reagieren werden. Als Waffe verwendet er die bewährte, abgesägte Schrotflinte. Goldhamster macht das sehr professionell. Nächste Zwischenzeit, 58:45, der Bankbeamte übergibt ihm nun das Geld in der Tasche.

Aber jetzt sollte er langsam wieder aus der Bank heraus kommen, sonst wird es knapp. Und er verlässt die Bank! 1 Minute 30. Elegant sprintet er zum Fluchtwagen. Nun muss er nur noch rechtzeitig das Ziel überqueren. Und die Leute jubeln ihm zu! Es sind viele Schaulustige gekommen, um dem Spektakel beizuwohnen.

So, aber nun wird es eng. Wird sich eine neue Bestzeit ausgehen? 1:56. 57, 58, 59 – Jawohl! 2 Minuten 02. Bestzeit, meine Damen und Herren, Bestzeit! Und 25.920 Euro! Damit heißt der Sieger der „Eibiswald Bankraub Master Challenge“ heute Georg Goldhamster! Wir gratulieren sehr herzlich dem sympathischen Lokalmatador!“

Yes! Gewonnen! Gewonnen! Gewonnen! The winner takes it all! Ich fahre wie der Henker persönlich zu Maria, zerre sie ins Auto. Sie weiß zuerst nicht, was los ist, aber sie freut sich dann auch mit mir mit. Und seither bin ich mit ihr auf der Flucht.

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