16. Der Voodoo-Tod

Der Voodoo-Tod | Foto: © Elisanth - Fotolia.com
Der Voodoo-Tod | Foto: © Elisanth - Fotolia.com

Der nächste Vortragende bewies gleich, dass Zivildienst eben nicht nur für sanfte Öko Schlaffis, sondern auch für harte Seebären interessant ist. Er sah aus wie der Sohn von Kapitän Iglu, war um die 40, hatte eine braungebrannte, gegerbte Haut. Er erzählte uns, dass er eigentlich an der Grazer Uni Soziologe sei, er fahre aber lieber mit seinem Baggerschiff in der Nordsee herum. Dort führe er auch im Auftrag von Greenpeace Studien durch.

Das Baggerschiff hätte Platz für zehn Mann, fünf Mann Besatzung, fünf Mann für verschiedene Umweltstudien. Wir lauschten alle fasziniert seinen Worten. Das Hauptinteresse bei seinen Forschungen galt dem Panikverhalten der Menschen.

Wir sollten gleich einmal vergessen, was wir uns unter „Panik“ vorstellten. Wenn man wirklich Panik hat, kann man sich selbst nicht mehr kontrollieren, was die Sache natürlich gefährlich mache. Und im Katastrophenfall müssen wir Zivildiener auf eine Massenpanik eben vorbereitet sein.

Es gibt verschiedene Stufen der Panik. Wenn man in einer gefährlichen oder einer noch nicht erlebten Situation ist, bekommt man zuerst große Augen. Die erweiterten Augen versuchen, möglichst viel von der neuen Situation einzufangen. Doch meistens wird dann das Gehirn mit zu vielen Informationen überflutet. Technisch gesehen erhöht sich die Muskelanspannung, die Herzfrequenz, der Blutdruck. Man beginnt zu schwitzen, zu zittern.

Manche bekommen dann den so genannten „Tunnelblick“, man hat dadurch nur noch ein eingeschränktes Sichtfenster. Manche hören dann nur mehr vermindert oder gar nichts mehr.

In der Endstufe der Panik läuft man entweder ziellos umher, kauert starr am gleichen Fleck oder bekommt einen Wutanfall. Und das Schlimmste: Man steckt andere Menschen mit der eigenen Panik an.

Er erzählte uns, dass er einmal das Glück hatte, das Panikverhalten auf einer neuen Fähre zu testen. Er kannte in Hamburg einen Reeder. Den überredete er, dass er einen Feldversuch zum Thema „Fluchtverhalten“ auf seinem neuen Schiff mit seinen Studenten machen durfte. Der Reeder sagte zu, vor allem auch deswegen, weil er dann weniger für die Versicherung zahlen musste, wenn er künftig das Forschungsergebnis beachten würde.

Das Schiff hatte Platz für rund 1.000 Passagiere. Man inserierte in Hamburger Zeitungen, dass man 200 Menschen suche, die kostenlos einen Nachmittag auf dem Schiff bei gutem Essen und bei guter Musik verbringen wollten. Das Schiff lag im Hamburger Hafen. Damit man den Versuch lückenlos beobachten konnte, brachte man viele Kameras an, die das Geschehen aufzeichneten.

Die 200 Leute waren an Bord im Speisesaal und aßen, eine Band spielte. Rund eine Stunde später hörte die Band wie geplant zu spielen auf. Die Versuchsleiter sagten zu den ersten Reihen im Speisesaal, dass die ersten, die von Bord kommen würden, einen Preis gewinnen würden.

Wie von der Tarantel gestochen, sprangen einige Leute der ersten Reihen auf und begannen, aus dem Saal zu laufen. Das steckte alle anderen an. Plötzlich standen alle im Saal auf und wollten unbedingt raus, obwohl sie gar keinen Grund hatten. Es gab auch keine gefährlichen Anzeichen wie Rauch. Auch war das Schiff ruhig und schaukelte nicht. Aber alle rannten.

Die Versuchsleiter fingen Personen heraus und befragten sie, warum sie denn auch laufen würden. Sie wussten keinen Grund. Gaben aber an, dass die anderen ja auch laufen würden.

Und dann stellte sich eine fast verheerende Fehlkonstruktion des Schiffes heraus. Wenn ein Mensch während einer Flucht zwei Türen vor sich hat, die unterschiedlich groß sind, dann läuft er – evolutionsbedingt – immer durch die größere. Da kann auf der kleineren Tür hundert Mal „Notausgang“ oder Ähnliches stehen. Die breiteren Türen des Schiffs führten aber alle in die Garage des Hecks. Und dort waren nun fast alle Besucher hingelaufen.

Man hatte riesiges Glück, dass niemand verletzt wurde und dass das Schiff nicht voll beladen war. Was hatte man daraus gelernt? Der Reeder ließ die Fähre umbauen und verbreiterte die Fluchttüren. Und man baute bei den Evakuierungspunkten „Raumabtrenner“ ein, die im Notfall heruntergelassen bzw. aufgestellt werden. Ziel war es, den Raum abzutrennen, so dass maximal 20 bis 30 Menschen auf einem Fleck zusammen waren. Das würde verhindern, dass sich Panik zu schnell ausbreiten konnte.

Aber das ist noch bei weitem nicht das Schlimmste gewesen, was Kapitän Iglu erlebt hatte. Einmal war er in der Nordsee mit seinem Baggerschiff just zu dem Zeitpunkt unterwegs, wo eine große Fähre während eines schweren Unwetters gekentert war und unterging. Es gab hunderte Tote. Er war zum Zeitpunkt des Unglücks zu weit weg, konnte nicht mehr direkt helfen. Aber er konnte bei den Aufräumarbeiten unterstützend mitwirken.

Seine Hauptaufgabe war es, die Leichen aus dem Meer zu fischen. Als er und seine Crew die ersten Leichen geborgen hatten, fiel ihnen etwas Merkwürdiges auf. Sie sahen nämlich nicht wie typische Wasserleichen aus. Ein Arzt stellte dann fest, dass bei den meisten die Todesursache gar nicht das Ertrinken gewesen ist. Physisch gesehen wären sie an einer Überzuckerung gestorben.

Das ließ den Seebären nicht mehr los, er stellte weitere Nachforschungen an. Er fand heraus, dass Menschen in extremen, für sie absolut ausweglos erscheinenden Situationen den „Voodoo Tod“ sterben würden.

Er fand Berichte über eingekesselte Soldaten im Zweiten Weltkrieg, die ohne Feindeinwirkung einfach so gestorben waren. Auch fand man tote Bergsteiger, die z.B. in eine Felsspalte abgestürzt waren, die aber nicht an ihren physischen Verletzungen erlegen sein konnten. Es gab vereinzelt auch Berichte über Obdachlose, die gestorben waren. Sie waren aber nicht verhungert oder erfroren, sondern einfach so gestorben, die Mediziner fanden keinen Grund, nur diese Überzuckerung war allen gemeinsam.

Man kann also sterben, wenn das Unterbewusstsein der Meinung ist, dass man in einer absolut ausweglosen Situation ist. Für die Passagiere der Fähre war die Situation so oder so ausweglos. Wären sie nicht am „Voodoo Tod“ gestorben, wären sie ertrunken. Aber die Bergsteiger oder die Obdachlosen hätten noch gerettet werden können.

Ich beschloss, mein Leben äußerst optimistisch zu führen, schließlich will ich nicht wegen eines Irrtums meines Unterbewusstseins zu Grunde gehen.

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Nach der Schulung versahen wir wieder im Altenheim unseren Dienst. Ich legte langsam aber sicher meinen Betroffenheitsschock ab. Ich sah natürlich viele Dinge, die man ganz leicht hätte ändern können, wonach es den Bewohnern und auch dem Personal besser gegangen wäre. Vor den Schwestern und den Pflegern hatte ich eine Hochachtung. Die meisten versahen täglich mit einer großen positiven Energie und mit großem Einsatz ihren Dienst. Aber sie waren auch betriebsblind. Vielen Alten selber war meistens ja alles egal.

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