1. Überdosis Wien

Wiener Straßenbahn, Cafe Hummel

Wien. Ich will mir eine Woche lang eine Überdosis Wien genehmigen. Ich will die Stadt in vollen Zügen erleben, alles aufsaugen, alles so genießen, als ob es kein Morgen mehr gäbe.

Ich lief gehetzt zur Bank. Noch 10 Minuten – dann würde sie zusperren. Haben alle seltsame Öffnungszeiten. Die meisten schließen bereits um 3. Es war saukalt, der Wind blies, es lag ein wenig Schnee in der Stadt. Fünf Minuten vor drei Uhr kam ich in die Bank. Ich erledigte meine Bankgeschäfte und ging dann einkaufen.

Beim Einkaufen überlegte ich mir, dass man einfach mit einem geklauten Panzer zur Bank fahren müsste. Mit dem Panzer würde man dann gleich durch die Auslage fahren können, der Panzer hielte das leicht aus. Also lustvolle Zerstörung der gesamten Bank mit dem Panzer. Dann noch einen ordentlichen Schuss abfeuern, und schon wäre der Tresorraum offen.

Ich selbst könnte das aber nicht machen, ich bin viel zu friedliebend und zu anständig, aber dafür hat man ja das Internet. Ein paar rumänische Spezialisten würde man über dieses Medium schon auftreiben können, vielleicht Ex-Geheimdienstleute oder ähnliche Fachkräfte.

Aber ich verwarf den Gedanken wieder, es würde ja doch nichts bringen. Denn selbst wenn die Ex-Geheimdienstleute Erfolg hätten, würden sie mich dann hintergehen und möglicherweise anschließend liquidieren. Schließlich ist die Welt schlecht.

Ich begnügte mich damit, an eine Spezialhölle für Bankbeamte zu glauben. Irgendwann würde sie schon der Teufel holen, und zwar alle!

Mein Ärger verflog wieder, als ich an mein eigentliches Vorhaben dachte. Ich wollte mir eine Woche lang eine Überdosis Wien genehmigen. Ich wollte die Stadt in vollen Zügen erleben, alles aufsaugen, alles so genießen, als ob es kein Morgen mehr geben würde.

Aber natürlich wird es ein Morgen geben. Und nach dieser Woche würde ich für ein Jahr in meinen Heimatort Eibiswald zurückkehren müssen, ein kleiner Markt in der Steiermark. Mein Zivildienst in einem Altenheim stand nämlich an.

Wohnung? Bei meinen Eltern! Für ein Jahr! Ich musste also zurück zu meinem Heimatort! In einem Altenheim Dienst schieben! Und bei meinen Eltern wohnen! Ich musste also zurück in meinen Heimatort! … Oh, wie sehr ich mich schon darauf freute!

***

Nach der Matura zog ich von Eibiswald nach Wien. Ich fühlte mich sogleich wie ein Fisch, der bisher in einem kleinen Wasserglas gelebt und den man auf einmal in einem Weltmeer ausgelassen hatte. Diese Größe, diese Vielfalt! Und nun würden sie mich wieder einfangen und ins Wasserglas zurücksetzen. Und in diesem Wasserglas müsste ich es ein ganzes Jahr lang aushalten.

Wenigstens ist Graz in der Nähe. Aber Graz ist auch keine echte Stadt, eher ein größenwahnsinniges Dorf, wie ein Wiener Freund von mir einmal bemerkte. Eibiswald selbst ist natürlich schön, die Umgebung auch, Erholung pur. Aber Land bleibt Land, und Stadt bleibt Stadt, und ich bin nun einmal ein Stadtmensch.

***

Ich hatte mir für die sieben Tage, die mir noch in Wien blieben, ein sehr abwechslungsreiches Programm vorgenommen. Die ersten vier Abende hatte ich mich mit verschiedenen Frauen verabredet. Ich war damals solo, immer auf der Suche nach der absolut perfekten Traumfrau.

Es könnte die vierte sein am vierten Abend. Oder die erste am ersten? Die zweite eher nicht. Und die dritte auch nicht. Aber wer weiß? Und wer suchet, der findet, wie es so schön heißt.

Für mich war das eine absolute Herausforderung. Vier Tage, vier Frauen! Da würde sich wohl hoffentlich etwas ergeben. Denn ich sah eher schwarz, was das Liebesleben am Land betraf.

Nach den Frauenabenden war dann Fußball angesagt, was sonst? Ich plante, mit einem Freund zu einem Ländermatch ins Ernst Happel Stadion zu gehen. Am Tag darauf würde ich mich mit Chatfreunden treffen, mit denen ich viel lachen konnte. Am letzten Tag würde ich dann noch eine große Kaffeehaustour machen. Und dann geht’s ab in die provinzielle Hölle! Ein Jahr lang Altenheim! Brrrrrr!

Aber noch war es nicht so weit.

Als ich abends in meiner Wiener Wohnung angekommen war, bereitete ich mir das Abendessen vor. Wieder einmal wusste ich nicht, was ich kochen sollte. Ich finde Essen absolut unnotwendig. Warum kann man nicht von Liebe, Kaffee und Zigaretten allein leben?

Eine Australierin hat es zum Beispiel geschafft, sich mit irgendeinem Esoquatsch ausschließlich von Sonnenlicht zu ernähren. Hm, das wäre nichts für mich, denn die Nacht ist meine Zeit, und nicht der Tag. Wie ein Nachtfalke kreise ich über der Stadt und beobachte meine Beute. Und wenn die Zeit gekommen ist, dann schlage ich zu. Peng!

Ich überlegte mir, ob ich Nudeln mit Sauce oder Sauce mit Nudeln zubereiten sollte. Nein, nicht schon wieder Nudeln! Ich brauche dringend eine Frau, die kochen kann, dachte ich, für mich ist das nichts. Ich habe da überhaupt keine Fantasie, und Kochen ist doch ein sehr kreativer Prozess.

Ich zückte meinen Notizblock und schrieb auf: „Prüfen, ob sie kochen kann.“ Meinen Notizblock habe ich immer dabei. Wichtige Sachen vergisst man so leicht, ich schreibe sie mir lieber immer gleich auf.

Wenn man schon seine Freiheit für eine Frau aufgeben muss, dann müssen auch Vorteile für den Mann herausspringen. Liebe hin oder her. Denn meine Freiheit liebe ich schon sehr.

Fiaker in Wien

Nachdem ich mir irgendeinen Fraß gekocht hatte, überlegte ich, was ich denn am Abend so machen könnte, mit ihr.

Mist! Ich hatte etwas vergessen! Keine Kondome im Haus! Die Chancen für eine Bettgeschichte waren an diesem Abend meiner Einschätzung nach zwar sehr gering, aber falls da doch etwas laufen sollte, wäre es unverzeihlich, nicht darauf vorbereitet gewesen zu sein.

Also lief ich noch zu meinem Supermarkt. Wo ist denn das Zeug? Ich suchte bei den verschiedenen Regalen. Als ich das richtige gefunden hatte, fragte ich mich wieder einmal, warum die Kondome neben dem Babyzeug eingeordnet waren. Funktionierten die nicht – oder was?

So, eine Großpackung genommen. Und bei den Supermarktkassen suchte ich die hässlichste und fetteste Kassiererin aus. Die sollte nur sehen, dass wir dünnen, bleichen Studenten rund um die Uhr Sex haben und deshalb solche Mengen an Gummis brauchen! Ich überlegte mir, ob ich nun jeden Tag eine Packung kaufen und immer bei der gleichen Kassiererin bezahlen sollte. Aber Hunde die bellen, beißen nicht.

Anyway. Ich war jetzt jedenfalls gut aufgelegt. Wieder daheim hatte ich gleich eine großartige Idee für eine neue Geschichte, für die ich gleich ein paar Notizen machte. Würde sicher ein Renner werden: Ein weißer Farmer in Simbabwe wurde bei einem Volksaufstand umgebracht. Er war unsäglich reich, hatte sein Geld vor seiner Ermordung in Sicherheit bringen können. Seine einzige Tochter studierte in Wien und wusste noch nicht, dass ihr Vater tot war.

Ja, die Geschichte gefiel mir, ich würde aber noch daran arbeiten müssen.

Verdammt! Zeit übersehen! Wie konnte die Zeit schon wieder so schnell vergehen? Ein altes Leiden von mir. In einer dreiviertel Stunde fing schon das Kino an, und ich musste Barbara noch abholen. Stress. Ich zischte in der Wohnung herum, vom Badezimmer in mein Zimmer, von dort ins Badezimmer, und dann wieder zurück in mein Zimmer. Ich fand gar nichts, wusste nicht, was ich anziehen sollte. Und überhaupt – so ein Chaos!

>> Weiter zur 2. Geschichte: Großes Kino

Wien Fotos

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Einsendungen

"Moderne Kunst" in Wien

“Moderne Kunst” in Wien. Foto von Mara Rothofer

 

Wien Impressionen von Sonja Fasching

 

Überdosis Wien von Elisabeth Roth-Taschner

 

 

Stop eating animals! | Foto: Georg Franz

Stop eating animals! | Foto: Georg Franz

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