Spinnen in der Tiefsee

Manchmal geschehen Dinge, über die kann man sich nur wundern... Foto: © momsirk - Fotolia.com
Manchmal geschehen Dinge, über die kann man sich nur wundern... Foto: © momsirk - Fotolia.com

Ein Blitz fuhr herab, überblendete alles. Nichts zu erkennen. Absolut nichts zu erkennen. Die Erinnerung ist weg. Was war dann? Was ist dann geschehen? Sie muss wohl vor ihm gestanden sein. Und er muss mit ihr geredet haben. Und er hat sie dann geküsst. Relativ bald darauf. Waren es fünf Minuten? Zwei Stunden? Alles weg, nichts mehr da. Sie muss aus einem Paralleluniversum gekommen sein. Der Raum hat sich geöffnet und die Zeit ist stehen geblieben. Also hatten die Physiker doch recht. Es gibt Paralleluniversen, unendlich viele. Und mit der Hilfe eines Wurmlochs ist sie von einer Welt in die andere geworfen worden und stand vor ihm.

Das Lokal, in dem sich Mike befand, heißt „Tiefsee“. In diesem Lokal passieren normalerweise ganz andere Dinge. Und hochtrabende Theorien über Paralleluniversen oder Wurmlöcher interessieren dort auch nur ganz wenige. In jeder größeren Stadt gibt es mindestens ein Lokal nach Tiefsee Art. In Wien zum Beispiel das Flex.

Das Konzept des Lokals ist ganz einfach: Man nehme eine Tanzfläche, eine Bar, bringe dies in einem möglichst abgefuckten Raum unter und spiele Musik, die nicht dem Mainstream entspricht, aber auch Scheiße ist. Und schon werden die sozial Alternativen angelockt, um es höflich auszudrücken. Manchmal hat Mike ganz andere Worte dafür, z.B. Abschaum. Man kann das Lokal nur mit einem Vollrausch ertragen, dann aber recht gut. Andere Hilfsmittel als Alkohol sind zwar nicht zulässig, werden aber trotzdem von einigen anderen Besuchern genommen.

Mike selbst gehört natürlich nicht zum Abschaum, beobachtet ihn nur, macht Feldstudien und ist etwas Besseres, glaubt er jedenfalls. Und er ist außerdem nur deswegen dort, weil er die eigene, langsame Zerstörung ein wenig vorantreiben möchte. Man könnte – statt Alkohol zu trinken – auch mit dem Kopf beständig gegen die Wand hämmern, aber das tötet die Gehirnzellen nicht effizient genug, und diese Handlung ist auch nicht intelligenter.

Mike könnte auch in andere Lokale gehen, aber dort ist die Gesellschaft noch viel unerträglicher. Verbohrte Spießer, die am liebsten uralte Kommerz-Scheiße hören und in einem geistigen Tiefschlaf stecken. Aber meistens verwendet er nicht diese Worte, denn weder Spießer noch der Abschaum haben Humor, hier in Deutschland schon gar nicht.

An normalen Tagen, wenn man im Tiefsee leicht angetrunken an der Bar neben dem Pöbel steht, geschehen andere Dinge. Dann kann man alte Männer unter all der Jugend beim Pfandflaschen einsammeln beobachten. Ein Pfandsammler sieht zum Beispiel aus wie ein verblendeter Seher. Er hat weiße, lange Haare, stechende Augen, viele Falten und wahrscheinlich im Laufe seines Lebens alle Drogen probiert, die er bekommen konnte. Der freut sich immer wie ein kleines Kind, wenn er die gesammelten Flaschen zurück geben kann und dafür ein frisches Bier bekommt.

Wenn sich Mike länger in der Tiefsee aufhält, bekommt er häufig das Bedürfnis, die Bude abzufackeln. Den ganzen Müll einfach zu verbrennen. Mit einem Flammenwerfer durchzugehen und alles in Brand zu stecken. Nein, die Leute natürlich nicht, einfach das Lokal. Meistens hat er aber keinen Flammenwerfer dabei, dann möchte er stattdessen in die Ecke kotzen oder pinkeln. Jedenfalls ist es für ihn jedesmal erstaunlich, was die Lokalbesitzer den Besuchern als „alternativ“ verkaufen. Mit diesem Dreck lässt sich anscheinend sogar Geld verdienen. Und Mike unterstützt das auch noch und konsumiert dort häufig Alkohol.

Aber was ist gestern dort geschehen? Der Abend fing für ihn relativ normal an. Er traf sich zuerst mit Freunden in einem anderen Lokal, plauderte und fing an, sich zu betrinken. Sie diskutierten darüber, ob sich Moral und Sex vereinbaren lassen. Und ob es zum Beispiel moralisch ist, nach dem Sex den Partner aufzufressen, so wie es z.B. die Gottesanbeterinnen mit den Männchen tun.

Bei den Spinnen geht es noch wilder zu. Entweder fressen bei manchen Arten die Weibchen die Männchen, also Mord und Kannibalismus, oder die Männchen fesseln die Weibchen und haben danach Sex mit ihnen, was eigentlich einer Vergewaltigung gleich kommt. Aber das waren saloppe Pauschalierungen von Mike.

Bei den Spinnen sind meistens die Weibchen wesentlich größer als die Männchen. Alles, was kleiner als die Spinne selbst ist, wird von ihr als Beute wahrgenommen. Also stehen für die weiblichen Spinnen auch die Männchen auf dem Speiseplan, wenn diese zur falschen Zeit im falschen Spinnennetz sind. Allerdings sind die Männchen nicht ganz blöd und wenden einige Tricks an, um das eigene Ableben hinauszuzögern und um zum Sex zu kommen.

Das vermehrungswillige Männchen bringt zuerst das Netz des Weibchens in Schwingung, was die holde Spinnen-Maid anlockt. Dann legt es entweder echtes Futter ins Netz oder Fake-Futter, das nur so aussieht, z.B. selbstgesponnene Seidenbündel. Das Weibchen verbeißt sich dann – hoffentlich – in das Futter und ist vom Männchen kurz abgelenkt. Dann kann das Männchen schnell zur Tat schreiten ohne selbst gefressen zu werden.

Bei manchen Arten fesseln die Männchen die Weibchen vorher und befruchten sie anschließend. Sozusagen Bondage au naturelle. Dem größten Teil der Männchen gelingt es, nach dem Akt rechtzeitig abzuhauen. Die gefesselten Weibchen sind natürlich in der Lage, sich nach kurzer Zeit selbst wieder zu befreien. Gefesselte Mütter hätten in der Natur auch gar keinen Sinn.

Spinnen brauchen viel Energie, um zu spinnen. Weibchen sind daher Fressmaschinen ersten Grades und brauchen laufend Futter. Und sie haben von Natur aus nicht sehr viele Möglichkeiten zwischen Futter und Nicht-Futter (also z.B. Männchen) zu differenzieren. Wenn man so will, dann hat ein gefressenes Männchen einfach nur den Zweck, den hohen Energiebedarf des Weibchens zugunsten der nächsten Generation zu decken.

Ob eine gefesselte Spinne eine vergewaltigte Spinne darstellt, das ist für die Spinnen auch nicht relevant. Für sie gilt nur, ob sie befruchtet wurden oder nicht. Und es ist nicht anzunehmen, dass das Weibchen vor dem Sex mit dem Männchen großartig diskutiert. Eher frisst sie ihn. Daher ist die Fesselung – so gesehen – nur eine Art Notwehr und dient der Selbsterhaltung. Bei Menschen ist solch ein Vorgang natürlich grundlegend abzulehnen: Sowohl unfreiwillige Fesselung, als auch das Fressen des oder der anderen.

Mehrere Gläser Wein später. Da Mike der einzige in der Runde war, der keinen Partner hatte, ließ er seine Freunde kurzerhand links liegen und setzte sich an die Bar. Kurz darauf stellte sich eine Art Wandelröschen neben ihn, kaugummikauend. Sie wollte zwei Prosecco haben. Sie sagte auch irgendetwas zu ihm, er hatte aber kein Wort verstanden. Dann sagte sie: „It was very nice to meet you.“ Oder so. Und sie verschwand wieder.

„Was denkt sich eigentlich eine Kellnerin, während sie Bier zapft?“, fragte sich Mike danach. Er musste sich schweigend mit sich selbst beschäftigen. Es war kein anderer an der Bar und die Kellnerin konnte Spinnen auf den Tod nicht ausstehen. Sie wollte auch nicht hören, dass man im Schnitt pro Monat zwei kleine Spinnen im Schlaf versehentlich verschluckt.

Seine Freunde verabschiedeten sich dann, sie waren nicht mehr dazu zu überreden, mit ins Tiefsee zu kommen. Also musste er alleine dort hin torkeln, nachdem ihn die Kellnerin höflich, aber bestimmt nach einer Weile als letzten Gast rausgeworfen hatte.

Auf dem Weg ins Tiefsee traf er dann zwei Frauen, eine saß in einem Einkaufswagen, die andere schob ebendiesen in Richtung Tiefsee. Sie mussten wohl nett gewesen sein, er hatte sich mit ihnen unterhalten, daran konnte er sich am nächsten Tag noch erinnern. Mike stieg aus Versehen auf die Geisterschildkröte der einen, die den Wagen schob. Das tat ihm natürlich außerordentlich leid. Die andere, die im Wagen saß, hielt sich für einen Orangensaft und hatte Angst davor, ausgetrunken zu werden. Zum Glück mochte er keinen Orangensaft, nicht einmal mit Wodka gemixt, also trennten sich ihre Wege wieder.

Im Tiefsee suchte er sofort die Tanzfläche auf. Mike musste sich dringend bewegen, damit er wieder nüchterner werden konnte. Der DJ spielte so eine Art Speed Metall, was Mike normalerweise nicht gefällt, ihm aber im betrunkenen Zustand egal ist. Andere betrunkene Leute versuchten springend auf der Tanzfläche das gesamte Leid der Menschheit herauszuschreien. Nein, falsch formuliert. Sie versuchen die Scheiße, die sich in ihnen gesammelt hat, herauszuspeien. Und sie bildeten sich dabei ein, dass es sich dabei um das gesamte Leid der Menschheit handeln würde, die gesamte Leid-Scheiße der ganzen Welt.

Kurze Zeit später bei einem Bier hatte Mike die Erkenntnis, dass die Welt genau umgekehrt funktioniert. Alles ist ganz umgekehrt. Man entwickelt sich von der Zukunft zurück. Also man wird nicht laufend wiedergeboren und kommt dann später wieder auf die Welt, sondern davor. Man kommt immer weiter zurück.

Sein Hirn wurde langsam durchgesägt, er hielt es kaum aus. Was sollte das alles? Jede Art der Wirklichkeit, wie sie ihm hier geboten wurde, war eine Katastrophe für sich. Er musste sich endlich einmal in die Augen sehen und sich sagen, dass alles, was er tat… Ja, was denn? Was sollte das überhaupt? Scheiß drauf. Scheiß drauf! Eine Laubsäge schnitt sein Hirn in kleine Stückchen… Zeit, um aufs Klo zu gehen.

Danach bewegte er sich zur anderen Tanzfläche, die Musik war dort erträglicher. An der Bar stand ein Fräulein mit blonden Haaren und strengem Haarschnitt. Und als er sie so betrachtete, kam er zu dem Schluss, dass sie ein Roboter war! Die war sicher ein Roboter! So wie die sich bewegte! Und redete! Er trank weiter und tanzte.

Dann nichts. Was war dann? Was geschah dann? Irgendetwas musste doch geschehen sein. Sie stand plötzlich vor ihm. Er fing an, mit ihr zu reden. Oder sie mit ihm? „Ich bin so ehrlich, wie du es brauchst“, sagte sie zu ihm. Er wusste, dass er schnell handeln musste. „Schnell einspinnen, bevor sie mich frisst“, dachte er sich.

Er zerrte sie weg von der Tanzfläche in die Nähe des Ausgangs, dort konnte man besser reden. Aber nachdem er merkte, dass er sich nicht mehr unfallfrei sprechen konnte, setzte er alles auf eine Karte und küsste sie. Einfach so. Weil sie ihm gefiel. Und wie sie ihm gefiel! Ach, könnte es doch immer so einfach sein…

Am Nachmittag danach liegt er allein im Bett und denkt darüber nach, was eigentlich geschehen ist. „Hab ich sie mir schön gesoffen?“, fragte er sich. „Oder hat sie mich schön gesoffen? Ist das alles überhaupt passiert?“ Warum hatte er ihr seine Telefonnummer nicht gegeben? Weil er sie nicht wusste. Er weiß sie ja nach wie vor nicht, diese verfluchte Nummer! Warum kann er sich seine neue Telefonnummer nicht merken? Und warum hat er dann nicht ihre Telefonnummer verlangt? Weil er nichts zu schreiben dabei hatte, sagte er sich leicht verzweifelnd. Das darf doch alles nicht wahr sein. Da öffnet sich einmal im ganzen Leben der Spalt zum Paralleluniversum und dann das!

Ob er sie jemals wieder treffen wird?

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Was habt Ihr schon Seltsames betrunken in einem Club erlebt? Ich freue mich auf Eure Geschichten!

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