19. Oldieschupfer und Tellerwäscher

Beförderung | Foto: © V&P Photo Studio - Fotolia.com
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Wenn man in Österreich Pflegehelfer werden will, braucht man eine einjährige Ausbildung. Wenn man Altenpfleger werden will, eine dreijährige. Wir Zivildiener brauchten vier Tage.

Nach ungefähr vier Monaten wurden wir nämlich „befördert“. Vom Oldieschupfer und Tellerwäscher zum Oldiewäscher und Tellerschupfer, wie ich trocken feststellte. Die Chefin teilte uns mit, dass wir quasi einfache Pflegehelfer werden würden und „unterstützend in die Pflege kämen“.

Wir waren außer uns vor Freude. Endlich einmal 90-jährige Frauen waschen, anziehen und füttern! Ein Lebenstraum junger Männer ging in Erfüllung…

Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich eigentlich gedacht, dass es mir vor nichts mehr grausen würde. In den ersten Wochen wurde ich einmal aus Versehen angepinkelt. Und einmal musste ich ausgerechnet an dem Tag Dienst schieben, an dem der Koch ein neues Abführmittel erfand: Er gab eine spezielle Diabetiker Marmelade zu seinem Joghurt-Getränk dazu, das wir an alle Bewohner verteilten. Alle bettlägerigen Bewohner hatten an dem Tag Durchfall, wir mussten viele Windeln wechseln.

Ursprünglich grauste es mir auch vor den Rollstühlen, die ich zu putzen hatte. Aus den Ritzen kamen manchmal getrocknete alte Essensreste in Kombination mit getrocknetem Erbrochenem zum Vorschein. Aber auch das wurde weniger schlimm mit der Zeit.

Aber alte, sexgierige Frauen waschen, die Alzheimer hatten, das stellte bei mir alles Bisherige in den Schatten.

Schon in den ersten Wochen war mir aufgefallen, dass erstaunlich viele Alte nur mehr das Eine im Kopf hatten. Es war natürlich ein Tabuthema, man sprach nur selten darüber. Für diejenigen, die es nicht wissen oder wahrhaben wollen: Im Alter entwickelt man sich zwar quasi zum Kind zurück, aber der Sexualtrieb bleibt erhalten. Und da er meistens nicht erfüllt werden kann, wird er immer stärker. Ich weiß nicht, ob Frauen davon allgemein stärker betroffen sind als Männer, aber im Altenheim war es so.

Frau Luise war so ein Fall. Sie hatte sich geistig schon verabschiedet, saß im Rollstuhl. Sie konnte auch nicht mehr sprechen, nur mehr lachen und unverständliches Zeug brabbeln. Sie lachte über alles und jeden. Und manchmal trieben wir natürlich auch unsere Späße mit ihr, so dass sie noch mehr lachte als sonst. Denn wenn sie nicht lachte, dann schrie sie, was natürlich allen auf den Wecker ging.

Sie hatte aber auch noch einen sehr ausgeprägten Trieb. Wenn sie im Bett lag – so wurde uns „empfohlen“ – dann sollten wir ihr tunlichst keine bananenförmigen Gegenstände geben. Ein Pfleger erzählte uns mit Schaudern, dass sie es einmal schaffte, mit einem abgeschraubten Sesselbein … aber das möchte ich gar nicht weiter ausführen.

Der Hausmeister erwischte einmal Herrn Karl und Frau Gerlinde dabei, wie sie beim angrenzenden Nachbargrundstück, dort ist ein Maisfeld, nun ja, „Blümchen pflückten“, wie er sagte. Im Heim selber war an Vergnügungen zu zweit eher nicht zu denken, da man die Zimmer aus Sicherheitsgründen nicht absperren konnte. Oder vielleicht machte gerade das den Reiz aus?

Wir bereiteten Herrn Josef, einem taubstummen Bewohner, der keine Beine mehr hatte und nur mehr im Bett liegen konnte, ab und zu eine Freude. Wir gaben ihm diverse Männerzeitschriften zum Durchblättern. Physikalisch funktionierte bei ihm garantiert nichts mehr. Aber wie wir alle wissen, spielt sich das Eigentliche im Kopf ab. Er war danach immer sehr zufrieden und gut gelaunt. Die Schwestern durften von den Zeitschriften aber nichts wissen, das war klar.

Tabus waren Frau Martha vollkommen egal. Sie war eine bettlägerige Frau mit fortgeschrittenem Alzheimer. Geistig war sie nicht mehr fit. Jeden Morgen lief ungefähr folgender Film ab, wenn ich ihr Zimmer betrat, um sie zu waschen:

 

Sie: „Bist du verheiratet?“

Ich: „Nein.“

Sie: „Dann schlaf mit mir!“

Ich: (fassungslos) „Was?“

Sie: „Ich bin auch ganz still.“

Eine Minute Schweigen.

 

Sie: „Bist du verheiratet?“

Ich: (gescheiter) „Ja.“

Sie: „Wie lang denn schon?“

Ich: „Ein paar Jahre.“

Sie: „Schlaf mit mir, ich sag ihr auch nichts.“

Ich: „Nein, keine Zeit.“

Sie: „Ich bin auch ganz still.“

Eine Minute Schweigen.

 

Sie: „Bist du verheiratet?“

Ich: „Ich heirate bald.“

Sie: „Dann schlaf mit mir, ich schau auch beim Fenster raus.“

 

Solche Dialoge konnte man mit ihr stundenlang führen. Nur wenn man sie Sachen aus ihrer Jugend fragte, daran konnte sie sich noch ganz dunkel erinnern, verriet mir ein Pfleger, dann war das Thema weg. Aber auch hier musste man aufpassen, dass man in keine Endlosschleife mit Wiederholungen kam. Sie vergaß innerhalb von einer Minute auf die andere, was sie oder jemand anderer gerade gesprochen hatte.

 

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