2. Grosses Kino

Großes Kino. Foto: © Scott Griessel - Fotolia.com

Seit hunderten von Jahren laden junge Männer junge Frauen ins Kino ein, führen sie dann in ein Lokal, machen sie betrunken, und dann bringt der junge Mann sie heim. Und wenn es halbwegs passt, dann landet er bei ihr im Bett. Es ist wirklich so einfach. Da wird gar nicht lange gefackelt. Und in der Theorie funktioniert das auch immer!

Aber nach ein paar Kino-Fehlschlägen hätte es mir schon dämmern können, dass, wenn Mann Sex von ihr will, er ihr aber Kino bietet, er auch Kino von ihr bekommt. Selbst wenn er sie nach dem Kino ausführt und betrunken macht.

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Ich holte Barbara also ab, und ich war, wie gesagt, spät dran. Und sie war trotzdem herabgestiegen aus dem Reich der Engel. Was für eine Erscheinung! Langes, schwarzes Haar, Beine bis in den Himmel, die verruchte Unschuld vom Lande, die auch in die Stadt gezogen war. Ein bisschen naiv schon, dafür aber sehr herzlich. Ich malte mir die Bettgeschichte des Jahrhunderts aus. Die oder keine!

Im Kino angekommen, besorgte ich die Kinokarten. Zum Glück schafften wir es noch, pünktlich in den Saal zu kommen, so dass wir die 20 Minuten Werbung vor dem Film auch ganz sehen konnten.

Die Werbezeit soll man für die Eigenwerbung nutzen, so die Theorie. Man kann da noch etwas quatschen. Zarte Komplimente aus dem Ärmel schütteln, wie sehr man sich freue, wie nett der Abend doch sei, und trallali und trallala.

Ich war guter Dinge, hatte auch schon ein paar Treffer gelandet. Sie fühlte sich geschmeichelt, die Katze begann zu schnurren. Wahrscheinlich würde es gar nicht mehr notwendig sein, mit ihr in ein Lokal zu gehen, ich würde sie gleich nach dem Film abschleppen. Fertig. Spart außerdem Kosten.

Und dann protzte ich ein bisschen mit meinem Wissen über den Film. Das Drehbuch sei von Quentin Tarantino, sagte ich. Und der hat ja immerhin „Pulp Fiction“ gemacht. Ein absoluter Kultfilm. Die Regie führt Oliver Stone, erzählte ich ihr. Kann also nicht so schlecht sein, der Film. Ich hätte nur gehört, dass die Meinungen etwas auseinander gingen.

Und dann fing der Film an.

Mir kam der Titel „Natural Born Killers“ schon etwas seltsam vor. Irgendwelche Intellektuelle hatten den Film ja auch gelobt, das konnte ich beschwören. Und ein Student hat ja immer viel Stress und ist so auf andere Meinungen angewiesen. Ich konnte mich also gar nicht ausreichend informieren, Zeitmangel.

Ein harmloser Horror Film wäre eh gut, dachte ich mir. Wenn sie sich fürchtet, dann braucht sie Schutz bei mir, und du kannst dann ihre Hand halten.

… Und so saßen wir also im Kino und sahen uns diesen Film an…

Wenn es damals schon Internet Filmdatenbanken gegeben hätte, dann hätte ich mich ganz leicht informieren können. Dann hätte ich nämlich erfahren, dass es darum geht, dass zwei in der Kindheit schwer misshandelte Menschen Mörder werden, eine Frau und ein Mann. Sie bringen 52 Menschen brutal um und werden gefeierte Medienstars. Dann hätte ich wahrscheinlich auch gelesen, dass einige Kritiker sagten, dass der Film eigentlich Gewalt verherrlicht, statt sie anzuprangern.

… Wir waren nach dem Film beide vollkommen fertig und geschockt. Ich mehr als sie…

Ich war nicht einmal in der Lage, zu beurteilen, dass der Abend gelaufen war.

Nach dem Film brauchten wir ein paar Minuten, bis wir wieder etwas halbwegs Vernünftiges zueinander sagen konnten. Wir fuhren stumm in einer leeren Straßenbahn in Wien umher. Es war wirklich eine seltsame Szene.

Langsam, aber sicher, bekam ich wieder die Fassung zurück. Ich versuchte zu retten, was zu retten war. Ich überredete sie mit Müh und Not, mit mir noch in ein Lokal zu gehen.

Ein Freund empfahl mir vor dem Abend ein Lokal, in dem man einen romantischen Abend zu zweit verbringen könnte, es hatte den unverfänglichen Namen Hexenkeller. Nicht zu teuer für Studenten, schön gemütlich, eigentlich ja richtig romantisch. Und wenn man dort das „bengalische Feuer“ trinken würde, könne man erstens die Sterne des Paralleluniversums sehen (aber nur kurz) und zweitens würde man dann sicher bei ihr im Bett landen, wenn sie das auch trinken würde, sagte er.

Es war sehr finster im Lokal, die einzige Beleuchtung kam von kleinen Kerzen, die auf den Tischen standen. Die Kellnerin, eine kleine, dickliche Frau mit langen schwarzen Haaren und einer Krummnase, brachte uns gleich zwei bengalische Feuer.

 

Hexe

Es war ein undefinierbares, rötliches Gesöff, das auch noch brannte und vor dem Trinken gelöscht werden musste. Das war uns aber egal, wir brauchten nur fünf Sekunden, um die ersten Gläser zu leeren. Ich faselte irgendetwas von Medienkritik, dass der Film ja eigentlich gut war, nur die Leichen und die Vergewaltigungen waren störend, eigentlich die ganze Gewalt und das Morden, das war schon viel…

Sie nickte stumm.

Nach dem dritten bengalischen Feuer taute sie endlich auf. Endlich war das Filmthema weg. Und endlich begannen wir, über unsere Vergangenheit zu sprechen. Das macht man als junger Spund ohne Erfahrung immer. Man landet in der Vergangenheit, arbeitet sich langsam zur Gegenwart vor, hofft, dass es da viele, viele Gemeinsamkeiten gibt – und zack – landet man mit ihr im Bett.

In der erweiterten Version, wenn man viel Zeit und Geduld hat, muss man vorher mit dem Ziel der Begierde alle verflossenen Beziehungen durch besprechen. Je älter die Frauen sind, desto tragischer wird es meist. Alle positiven und negativen Ereignisse werden erzählt. Alle.

Ergebnis: Man ist so arm, kann ja überhaupt nichts dafür, und überhaupt wartet man ja auf die Traumbeziehung und hey, wir verstehen uns ja ausgezeichnet! Ja, du verstehst mich wirklich! ENDLICH JEMAND, DER MICH VERSTEHT!!!

Das sechste bengalische Feuer brachte uns dann die Erleuchtung. Das Lokal Hexenkeller hieß so, weil es ein Hexenkeller war! Gleich wie der Film, lallte sie.

Sie wissen schon. Ja, genau. Gleich wie beim Film „Natural Born Killers“, wobei es da um Killer geht, heißt das Lokal auch Hexenkeller, weil es da Hexen gibt. Oder so. Hahahaha!

Achtes bengalisches Feuer. Mir wurde alles egal. Ich regte mich bei der blöden Kellnerin über die Scheiß-Hippie-Lieder auf, die sie da im Lokal so spielten. Sie sollte doch was Modernes auflegen! Der alte Kram, der interessiert doch niemanden! Fehlt nur noch, dass sie die Beatles – ach, alles Scheiße!

Komm, lass uns gehen, lallte sie.

Die alte Hexenschlampe verrechnet uns je zehn bengalische Feuer, wir hatten aber nur acht! Da war ich mir tausendprozentig sicher! Die soll doch zum Teufel gehen! Die blöde Kuh! Das letzte Mal war ich da! Nie mehr in dieses Scheiß Lokal!

Irgendwie fuhren wir dann mit dem Taxi zu ihr.

Und irgendwie stand dann plötzlich dieser Typ da, bei ihr, in der Haustür, oder vor dem Haus? Ich weiß es nicht mehr. Ihr Freund oder so. Der Arsch! Frauen und Betrunkene schlägt der! Jawohl! Soll der doch auch zur Hölle fahren!

 

Taxi

Nächster Tag. Ich lag in meinem Bett, hatte Kopfweh und überlegte … Oder war es doch der Taxifahrer? Nein, glaube ich nicht, es war schon ihr Freund. Oder war ihr Freund Taxifahrer? Aber woher wusste der… Mist, wo war das denn überhaupt? Waren wir schon bei ihr?…

Mann, oh Mann, ich hatte ein Blackout. Das gibt’s doch nicht. Und das schon am ersten Tag! Als ich meinem Wohnungskollegen die Geschichte erzählte, lachte er mich aus. Ich hätte ihn doch vorher fragen sollen, er hätte gewusst, was das für ein Film wäre.

Mein Wohnungskollege ist ein furchtbar langweiliger Mensch, aber durchaus in Ordnung. Er kommt aus Kärnten, dem Land des Wahnsinns, wie ich zu sagen pflege. Er war ein TU-Student, dachte streng logisch.

Wenn er angestrengt dachte, dann konnte man seine Zahnräder im Kopf laut ticken hören. Es ging alles ein bisschen langsam bei ihm. Das einzig Interessante, was man mit ihm machen konnte, war Billard spielen.

Eine Frau war ihm natürlich noch nicht über den Weg gelaufen. Dafür schlug seine Cousine, die ebenfalls in Wien studierte, etwas aus der Art. Die beschäftigte sich meistens mit mehreren Liebhabern gleichzeitig. Wie sie das machte, war mir schleierhaft. Eine besondere Schönheit war sie nicht, aber sie hatte doch eine gewisse Ausstrahlung. Meistens hatte sie einen Lover für unter der Woche, einen fürs Wochenende und einen für zwischendurch, wie sie mir sagte. Es wäre aber schon stressig, die Männer auseinander zu halten und nicht irrtümlich zu verwechseln. Eigentlich dürfte man sich nur Männer aufreißen, die alle den gleichen Vornamen hätten, das würde viel einfacher sein, sagte sie.

Ich war überzeugt, dass mein Wohnungskollege aus heiterem Himmel ohne weiteres Zutun eine Frau fürs Leben finden würde. Vielleicht war das bei seiner Familie noch so wie im alten China um das Jahr 1200 herum, mutmaßte ich.

Da wurden nämlich die Mädchen im Alter von sechs Jahren an die zukünftigen Schwiegereltern verkauft. Die Mädchen mussten dann gleich bei den Eltern des zukünftigen Mannes aufwachsen, damit die Schwiegermutter sie schon nach ihren Wünschen erziehen konnte. Und eines Tages würde die gut erzogene Schwiegertochter aus Kärnten mit nach Wien kommen, das war glasklar.

Am Nachmittag arbeitete ich weiter an meinen Geschichten. Der ermordete weiße Farmer brachte zu Lebzeiten sein Geld nach Johannesburg. Dort übergab er 8 Millionen Dollar einer privaten Sicherheitsfirma, die er als normales Wertgut deklarierte. Das hatte den Vorteil, dass die Aufbewahrungs-Kosten gering waren und dass niemand Verdacht schöpfen würde.

Es wird eine hochpolitische Geschichte werden, freute ich mich. Ich überlegte, wie ich diesen Diktator Mugabe in die Geschichte einbauen konnte.

Da ich da nicht weiterkam, recherchierte ich, welche Panzertypen das Bundesheer hatte und welcher Panzer sich eignen würde, meine Bank platt zu machen. Der „Leopard 2“ sieht ganz beeindruckend aus. Aber wahrscheinlich ist er zu groß und zu langsam, mit dem kann man nicht so einfach in die Stadt fahren.

Der Jagdpanzer Kürassier ist immerhin fast 70 km/h schnell. Drei Mann Besatzung sind notwendig. In Wien sind sicher solche Panzer stationiert. Einen wird man doch klauen können!

Am Abend traf ich mich mit Martina, mit ihr ging ich essen. Sie war eine oberösterreichische Studentin, die auch Publizistik studierte. Mit ihr konnte man ausgezeichnet diskutieren, sie war recht gebildet. Ich war mir aber unsicher, ob ich mit ihr eigentlich ins Bett wollte. Unhübsch war sie nicht. Und in der Nacht sind alle Katzen schwarz, wie ein Freund zu sagen pflegte.

Aber Martina war bei allem, was das Thema Sex anbelangte, bieder bis zum Geht Nicht Mehr. Das hatte ich schon herausgefunden. Die war so konservativ, die würde erst Sex mit dir haben, nachdem sie das zweite Mal geschwängert wurde. Bei den ersten Malen war’s sicher der heilige Geist.

Ich traf sie am Abend im Lokal „Tiamo“. Wie der Name schon sagt, ein Italiener. Klein, fein, romantisch. Wir lachten gleich über meine Farmer Geschichte. Das könne doch nicht mein Ernst sein, meinte sie. Ob ich jetzt Telenovellas schreiben werde, fragte sie mich. Aber nein, das wird eine ganz große Geschichte werden, sagte ich ihr überzeugt, sie müsste nur abwarten.

Aber dann lenkte ich das Thema auf die Liebe. Ich würde von ihr gerne wissen, wie ihr erstes Mal war, sagte ich zu ihr. Wie ich denn darauf komme, fragte sie mich. Ich sagte ihr, dass ich eine Geschichten-Sammlung zu dem Thema angefangen hätte. Allerdings wäre erst meine eigene Geschichte drinnen. Und sie müsste mir ihre erzählen, damit ich eine zweite hätte.

Sie weigerte sich natürlich strikt. Ich müsste ihr zuerst meine Geschichte erzählen, sagte sie. Na gut, hier ist meine Geschichte.

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Couch

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