12. Einschulung

Einschulung im Altenheim. Foto: © Alexander Raths - Fotolia.com
Einschulung im Altenheim. Foto: © Alexander Raths - Fotolia.com

Nächster Tag. Der Dienst begann um 7:00 Uhr. Ich hatte fast verschlafen, kam aber gerade noch rechtzeitig ins Altenheim. Was für eine unchristliche Uhrzeit! Robert kam ungefähr zur gleichen Zeit wie ich an. Schnell zogen wir den weißen Mantel über und eilten zum Besprechungszimmer.

Im Besprechungszimmer fand die tägliche Befehlsausgabe statt. Die beiden Schwestern, die Nachtdienst hatten, berichteten von Auffälligkeiten bei einigen Bewohnern. Insgesamt gab es nur vier Männer im Pflegepersonal und einen Hauswart, reine Frauensache also. Zwei Drittel der Bewohner waren Frauen. Einige Pflegerinnen kamen aus Slowenien, konnten aber perfekt Deutsch. Die Chefin stellte uns Pfleger Schmuck vor, er sollte uns einschulen.

Plötzlich fing etwas zu schellen an, eine Art Läuten. Es hörte sich zwar nicht wie eine „Glocke“ an, aber alle sagten „Glocke“ dazu. Schmuck winkte uns beiden, dass wir mitgehen sollten, wir verließen während der Besprechung das Zimmer. Ein Bewohner hatte den Läut-Knopf gedrückt, erklärte Schmuck, wir mussten in ein Zimmer gehen. Das Zimmer war ganz in der Nähe. Außen sah man ein rotes Licht. Er ging hinein, drückte einen Knopf, das Licht außen wurde grün, der schrille, nervige Läutton hörte auf.

Man müsse, sagte er uns, immer auf den Knopf innen drücken, wenn man in einem Zimmer ist. Wenn wir den Knopf gedrückt haben und der Bewohner drückt noch einmal auf den Ruf-Knopf, dann wird ein Alarm ausgelöst. Das sollten wir machen, wenn wir einmal dringende Hilfe brauchen würden.

Im Zimmer lag eine kleine, zittrige Frau, die eine dicke Brille auf hatte. Schmuck schrie sie an: „Sind Sie schon fertig?“ Sie antwortete: „Ja.“ Er zog sich einen Handschuh an, griff unter ihre Decke und holte eine Leibschüssel heraus. „Das müsst ihr dann auch machen“, sagte er, wir sollten nur gut zusehen. Er bettete sie anschließend noch neu und ging dann mit uns in einen Raum, wo eine Maschine stand, in die man die Leibschüssel samt Inhalt stellte. Die Maschine reinigte und desinfizierte die Schüssel. Der Raum wird „unreiner Raum“ genannt.

Schmuck empfahl uns dringend, immer ein paar Handschuhe eingesteckt zu haben und mit dem Desinfektionsmittel ja nicht zu sparen.

Außerdem hören einige Bewohner sehr schlecht, deswegen war er so laut vorher, sagte er uns. Wir sollen uns ruhig angewöhnen, etwas lauter zu sprechen, das würde nicht schaden.

Es läutete schon wieder, diesmal in einem anderen Teil des Parterres. In diesem Zimmer stank es bestialisch. Es wurde von zwei Frauen bewohnt. Eine war sehr klein, sie konnte aber noch gehen. Die andere war bettlägerig, bei ihr war das große Malheur passiert.

Schmuck zog sich die Handschuhe an und sagte, dass er unsere Hilfe brauche. Wir müssen ihm beim Halten der Frau helfen. Er drehte die Frau auf die Seite, wir hielten sie, so dass sie nicht wieder zurückfiel. Wir würden uns schnell daran gewöhnen, sagte er, während er mit gezielten Handgriffen das Unglück beseitigte. Für ihn sei es schlimmer, wenn sich jemand ankotzen würde, das wäre wirklich ärger, aber das hier, das sei ja nicht so schlimm.

Robert und ich waren käsebleich im Gesicht.

Nun fing aber erst unser eigentlicher Dienstplan an. Die erste Aufgabe in der Früh war es, den Wäschewagen mit der schmutzigen Wäsche in die hauseigene Wäscherei zu bringen. Danach den Wagen im Keller ordentlich desinfizieren und zurückbringen. Dann die Oldies einsammeln, die zum Frühstück in den Speisesaal wollten. Dann ging man in die Teeküche und nahm den Schiebewagen mit dem Frühstück mit. Wir sollten die Frau in der Teeküche keinesfalls reizen, riet uns diesmal Schmuck. Sie könne sehr schnell sehr aufbrausend werden. Das Frühstück teilte man dann im Parterre an die Oldies aus.

Danach die Oldies im Speisesaal wieder abholen, das schmutzige Frühstücksgeschirr einsammeln, die Tische abwischen. Wenn man schnell genug war, dann ist es inzwischen 9:00 Uhr geworden und man hatte dann eine halbe Stunde Pause. Danach mussten wir Tee und Getränke an alle Bewohner austeilen. Dazu ging man in den hintersten Winkel des Kellers, holte Mineralwasser und Apfelsaft, dann so eine Art Joghurt Getränk aus der Küche. Es sei ganz wichtig, dass jeder Bewohner am Vormittag etwas trinkt, wurde uns erklärt.

Man ging dann in jedes Zimmer, tauschte leere Flaschen aus und gab den Leuten etwas zu trinken und bei Bedarf Obst. Wir mussten auch den Bettlägerigen das Trinken eingeben. Dazu gab es so genannte Schnabelbecher, mit denen nichts verschüttet werden kann. Die Bettlägerigen, die noch besser bei einander waren, haben mit einem Strohhalm getrunken.

Nachdem man dann wieder durch das ganze Haus gelaufen ist, sammelte man die Oldies für das Mittagessen ein. Von der Teeküche holte man das Mittagessen für das Parterre. Danach teilte man entweder das Essen im Speisesaal oder im Parterre aus, je nach Bedarf. Oldies runter bringen, Essen einsammeln, Tische abwischen.

Am Nachmittag teilte man z.B. Kaffee im Haus aus. Das wurde aber relativ flexibel gestaltet. Man konnte auch ein spezielles Programm mit den Oldies machen. Das hing davon ab, wie viel Personal im Einsatz war.

Ich war nach den ersten Tagen vollkommen erledigt. Vor allem plagte mich elendiges Kreuzweh.

Nach dem Dienst musste ich dringend raus aus Eibiswald und unter jungen Leuten sein. Die Alten färbten auf mich ab, saugten meine Energie heraus. Meistens fuhr ich zum Nachbarort und ging dort zum Café Krainer. Dort tratschte ich mit der Kellnerin und den Gästen, trank Kaffee, machte ein paar Notizen zu Gedanken, die mir durch den Kopf gingen. Ich bezeichnete mich als „Oldieschupfer und Tellerwäscher“, was die ersten Tage im Altenheim recht gut traf.

Die Kellnerin fragte mich jedes Mal: „Und, was gibt es Neues?“ Darauf antwortete ich ihr immer: „Im Altenheim gibt’s nichts Neues, nur Altes.“

Der Nachmittagsdienst war ähnlich „spannend“ wie der Vormittagsdienst. Man bekam aber zwischendurch Spezialaufgaben wie z.B. Rollstuhlreinigen oder Betten waschen. Bereits um 5 Uhr gab es Abendessen. Um 6 Uhr am Nachmittag herrschte offiziell Bettruhe. Im Winter kann man das ja noch erklären, da ist es wenigstens schon finster draußen. Aber im Sommer, wenn noch mindestens drei Stunden lang die Sonne scheint, ist das schon seltsam.

Die ersten Tage vergingen recht schnell, und nach einigen Tagen kannte ich die Bewohner und das Personal einigermaßen.

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