4. Die eukalyptischen Reiter

Die eukalyptischen Reiter | Foto: © fotosutra.com - Fotolia.com

Mittelalter, Sommer. Es herrscht tiefe Finsternis. Nur der zunehmende Mond durchbricht den Schrecken der Nacht mit seinem bleichen Schein.

Großer, mächtiger Wald, durchschnitten von einer breiten Straße. Ein Wolf heult zum Mond hinauf, Käuzchen beschwören den Tod, markerschütternd. „Komm mit! Komm mit! Komm mit!“

Tosendes Pferdegetrappel nähert sich.

Es ist soweit. Sie reiten wieder, unaufhaltsam. Zwei Kolosse, bestückt mit Fackeln, rasen den Waldweg entlang. Ihre blitzblanken Rüstungen schimmern schwach im Mondenschein. Aus den Mäulern der getriebenen Rappen tritt der Schaum.

Sie nähern sich einem Dorf, obwohl „Dorf“ etwas übertrieben ausgedrückt ist. Ein paar heruntergekommene Baracken stehen wahllos auf einem Fleck, besiedelt von menschenähnlichen Kreaturen, zum Himmel stinkenden Wesen, eine Beleidigung für jedes Auge. Die beiden Hünen sind nun knapp vor dem Dorf angelangt.

Die Bewohner ahnen Fürchterliches. Doch statt still in ihren Löchern zu verweilen, rennen sie kreuz und quer im Dorf herum.

Ein Junge, ein 15-jähriger Namenloser, nimmt all seinen Mut zusammen und stellt sich in die Mitte der Straße. Die Musik eines Orchesters wird in das Dorf geweht, man hört einen traurigen, letzten Tango.

Der Junge sieht die Reiter auf sich zukommen. Seine weit aufgerissenen Augen starren die herannahenden Kolosse an. Er holt tief Luft und plärrt jetzt mit einer ohrenbetäubenden Stimme: „Halt! Das muss ein Ende haben!“

Das Dorf verstummt plötzlich. Nichts zu hören. Alles verschwindet für eine Sekunde. Verhallt.

Doch davon unbeeindruckt nimmt der erste Reiter im vollen Galopp behände sein Schwert aus der Scheide, holt aus und schlägt dem Jungen mit voller Wucht den Schädel vom Rumpf. Zack!

Und als ob nichts geschehen wäre, reiten die Ritter gleich darauf weiter. Die Straße geht nun eine leichte Anhöhe hinauf, an deren Ende die Burg des Grauens steht. Schon von weitem kann man ihre Mächtigkeit erahnen.

Der Wächter lässt nun die Zugbrücke herunter. Die Herren reiten ein, halten ihre Pferde an. Zwei Lakaien eilen herbei, um ihnen zur Hand zu gehen.

Der erste steigt lutschend ab und stellt sich in das Mondlicht. Seine Rüstung trägt das heroische Wappen des Hustinettenbärs. Er öffnet seinen Mund, schaut seinen Kumpanen an und sagt belehrend: „Hustinetten sind gut für den Hals!“ „Ja“, antwortet der Arbeitskollege, „ohne Hustinetten verliert man schnell den Kopf.“

***

Am nächsten Tag schrieb ich mir den Traum auf. Ich habe neben dem Bett ein Traumtagebuch liegen. Man kann sich meistens immer nur kurz an einen Traum erinnern. Und wenn man ihn nicht gleich aufschreibt, ist er vergessen. Theoretisch träumt man alle 90 Minuten etwas anderes. Das heißt, man kann bis zu sechs verschiedene Träume in einer Nacht haben. Aber erinnern tut man sich an einen oder zwei – wenn man sich überhaupt daran erinnern kann.

Es dauert auch ein bisschen, bis man sich daran gewöhnt, dass man sofort in der Früh – verschlafen – einen Traum aufschreibt. Aber mit ein bisschen Geduld geht das.

Tagsüber lief ich dann in der Wohnung umher, räumte auf, warf alte Dinge weg, machte sauber. Ich begann mir zu überlegen, was ich in die Heimat mitnehmen sollte. Was werde ich unbedingt brauchen, um in Eibiswald ein Jahr zu überleben?

Am späteren Nachmittag arbeitete ich an der Panzer Geschichte. So ein Panzer ist verdammt laut, den kann man nicht so ohne weiteres klauen, ohne dass es sofort auffällt. Wo sind in der Nähe von Wien Panzer stationiert? Wie lang dauert eine Panzerfahrt von einer Kaserne zur Bank? Nein, das ist eine Sackgasse.

Wenn man den Panzer auf einen Tieflader hebt, dann könnte man den Panzer ja quasi geräuschlos in die Nähe der Bank bringen. Und man müsste auch nicht am gleichen Tag den Panzer klauen und die Bank ausrauben. Aber so ein Tieflader ist natürlich extrabreit, da müsste man den Transport vorher bei der Polizei anmelden.

Man könnte aber auch offiziell als Waffensammler im Ostblock einen Panzer kaufen und nach Österreich transportieren lassen. Das machen Waffensammler andauernd. Und nach einem halben Jahr setzt man dann diesen Panzer ein. Oder man lässt sich die Panzerteile einzeln liefern und baut ihn in einem Wiener Innenhof unbemerkt zusammen.

Muss es unbedingt eine Bank in der Stadt sein? Am Land wäre es leichter, mit einem Panzer zuzufahren. Aber die Fluchtmöglichkeiten am Land sind nicht so gut. Außerdem wäre es nicht so spannend.

Man könnte sich vom Bundesheer ja offiziell einen Bergepanzer ausborgen, weil man irgendetwas Schweres bergen muss. Der Panzer wird sicher schon einen Tag zuvor angeliefert und dann abgestellt. Und in der Nacht haut man mit dem Panzer ab und fährt zur Bank. Nein, nein, nein, nein!

***

Am Abend traf ich Angelika in einem Lokal. Ich hatte sie vor ein paar Monaten im Internet kennen gelernt. Sie hatte in einer Newsgroup – das war die Vorform eines Internet Forums – folgendes Inserat aufgegeben: „Bin 26, blond, 172cm groß, schlank und suche Brieffreunde…“ Sie hat dann noch einen naiven Text dazugeschrieben. Jedenfalls war das schon so blöd, dass ich darauf antworten musste. Ich vermutete zuerst, dass hinter dem Inserat irgendein Zuhälter stecken würde, der auf Kundenfang aus war.

Aber Angelika antwortete mir. Sie war verzweifelt, weil sie in drei Tagen 150 E-Mails von geilen Männern bekommen hätte, schrieb sie mir. Und ich wäre einer der Männer gewesen, die nicht gleich mit der ersten E-mail mit ihr ins Bett wollten.

Sie hatte eine interessante Art. Wir schrieben uns viele E-Mails, und eines Tages beschlossen wir, uns „in real life“ zu treffen. Sie war Polizistin und arbeitete im Wiener Praterviertel, weil „dort am meisten los ist“, sagte sie, sie brauche Action. Ursprünglich arbeitete sie als DJ, aber das ging ihr mit der Zeit auf die Nerven. Sie ging dann zur Polizei. Ihre Wohnung war seltsam eingerichtet, alles lila: Wände, Möbel, Gegenstände. Nur der Computer war schwarz.

Wir waren bei einem typischen Wiener Wirt eingekehrt. Der Kellner servierte uns das Essen. Sie sagte zu mir, dass sie wieder eine Veränderung brauchen würde, und bei der Polizei hätte sie leider keine allzu großen Aufstiegschancen.

Ich sagte zu ihr, dass sie mir aber – bevor sie kündigt – noch Tipps geben müsse, wie man eine Bank ausraube, ohne von ihr erwischt zu werden. Ich hatte da nämlich eine Idee mit einem Panzer, erzählte ich ihr. Sie lachte mich aus.

Wenn man es in der Stadt machte, dann sei spätestens in fünf Minuten ein Einsatzwagen an Ort und Stelle, nachdem der Alarm ausgelöst worden ist, sagte sie. Also selbst wenn ich es schaffen würde, mit dem Panzer geräuschlos vor der Bank aufzutauchen – ich würde es nicht schaffen, in fünf Minuten die Bank auszuräumen und wieder zu verschwinden.

Wenn ich die Bank verwüsten würde, könnte ich ja nicht zum Tresorraum marschieren, weil der ja von den Trümmern begraben worden wäre. Und wenn ich den Tresor aufschießen würde, dann wäre das Geld hin, ist ja klar. Alles in allem also eine blöde Idee von mir.

Wenn ich schon eine Bank ausrauben wollte, dann sollte ich ein bisschen Sport trainieren, sagte sie zu mir. Wenn ich es schaffen würde, die Bank innerhalb von einer Minute auszurauben und wenn ich nur wenig Geld mitnehmen würde, so maximal 20.000,– Euro, dann hätte ich gute Chancen, erfolgreich unterzutauchen. Man würde dann auch nicht so wahnsinnig verfolgt werden.

Also nicht zu gierig werden, mit kleinen Summen kommt man auch gut über die Runden. Reinlaufen, alle bedrohen, Geld einsacken, und dann laufen, was die Lunge hergibt. Einmal pro Jahr eine Bank ausrauben, das Geld ist steuerfrei.

Ich wechselte das Thema. Später am Abend kamen wir dann auf die Liebe zu sprechen.

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