23. Brennendes Verlangen

Party | Foto: © pressmaster - Fotolia.com
Party | Foto: © pressmaster - Fotolia.com

An einem finsteren und regnerischen Freitagabend  regnete es in Strömen. Walter holte mich mit seinem Minivan ab. Wir fuhren zum Café Krainer, um ein wenig zu quatschen.

Aber da beim Krainer nichts los war, fuhren wir zu einem anderen Lokal, es war eine Viertelstunde entfernt und hieß „Shakespeare“. Es war gerade modern, jedes zweite Lokal im Stile eines englischen Pubs einzurichten. Das Shakespeare war detailgetreu und kitschig exakt einem Pub nachempfunden. Jeder Engländer hätte seine wahre Freude daran gehabt. Den Steirern war das relativ egal. Hauptsache, der Alkohol war billig, und die Frauen willig, haha.

Als wir ankamen, hörte es zu regnen auf. Ich sagte zu Walter, dass das sicher ein gutes Zeichen wäre. Wir gingen in das Lokal, es war ziemlich voll, verraucht, laute Partymusik. Wir ergatterten einen Stehtisch und waren für das Erste zufrieden.

Wenn man sich in Partylokalen mit dem anderen unterhalten wollte, musste man sich laut anschreien, um verstanden zu werden. Im Altenheim war das genauso, nur ohne laute Musik, stellte ich fest.

Zielvorgabe war es – wie immer – nach Landpomeranzen Ausschau zu halten. Unsere damalige Jahresausbeute war nicht unbedingt groß. Um genau zu sein, wir hatten in diesem Jahr überhaupt keinen Erfolg. Tote Hose!

Die Kellnerin brachte unsere Getränke, wir hatten Wodka bestellt. Das war aber nicht so wichtig, denn plötzlich wurde ich vom Blitz getroffen.

Ich starrte die Kellnerin an.

Was für eine Frau!

Ich vergaß, meinen Mund zuzumachen.

Was für eine Frau!

So um die 20 herum, schwarze, glatte, schulterlange Haare, große Augen, ein unbeschreibbar angenehmes Lächeln, eine liebevolle Art, einfach unglaublich. Sie hieß Sophia und kellnerte am Wochenende, um sich etwas dazuzuverdienen. Sie ist mir zwar schon vorher aufgefallen, wir waren ja nicht zum ersten Mal im Lokal, aber jetzt, da sie so direkt vor mir stand…

Walter rettete die Situation, stieß mich an, sagte irgendetwas zu mir. Sophia ging weiter. Walter hatte wieder eine Statistik für mich bereit. „Hast Du gewusst, dass wir Männer – alles zusammengerechnet – in unserem Leben durchgehend sechs Monate damit verbringen, Frauen anzustarren?“ Natürlich wusste ich das nicht. Und während ich der Kellnerin hinterher starrte, entdeckte Walter ebenfalls eine Frau, die ihm wahnsinnig gut gefiel.

Sie war blond, hieß Maria, war etwas größer als Sophia, so um 1 Meter 70 herum. Sie hatte eine scharfe, enge, rotbraune Lederhose an. Sie kam Walter vor wie eine Atombombe, die kurz vor ihrer Zündung steht.

Walter fing an zu schwärmen. „So ein entzückendes Wesen…“, murmelte er, so kannte ich ihn gar nicht. Maria stand mit dem Rücken zu uns und präsentierte uns ihr wunderbares Hinterteil. „Ja, knackiger Hintern“, sagte ich zu Walter.

Maria war müde. Sie quatschte schon seit knapp einer Stunde mit einem Typen, und nichts, aber auch rein gar nichts Interessantes passierte. Sie spielte offensichtlich schon mit dem Gedanken, die Zelte abzubrechen. Hier gab es wohl nichts als Klemmärsche, Weicheier oder Nieten im Bett.

Ich interessierte mich mehr für die Kellnerin. Ich war noch immer von ihrem Anblick elektrisiert. Dunkelroter Lippenstift verstärkte ihren süßen Schmollmund, große braune Augen kullerten aufgeweckt in ihrem Gesicht.

Aber der Abend im Shakespeare verlor seinen Reiz. Nur Frauenanstarren machte auf die Dauer auch keinen Spaß, und schließlich wollten wir zumindest einen Flirt erreichen. Wir entschlossen uns zu zahlen. Walter rief nach Sophia, „zahlen!“

Während Sophia nach dem Wechselgeld suchte, fragte sie uns: „Und? Was macht ihr heute noch?“ „Wir schauen noch ins York“, antwortete Walter. Das „York“ war ein Lokal in Leibnitz, zirka 20 Minuten mit dem Auto entfernt. „Nehmt’s mich mit?“ fragte sie uns.

Gebirge stürzten ein, Vulkane brachen aus, die Weltmeere gingen über, und ich wurde auf offenem Feuer gegrillt.

Walter sagte aber ganz cool: „Ja, gerne.“ Sie antwortete: „Super, ich bin gleich fertig, ich muss nur noch abrechnen.“

Walter stieß mich mit dem Arm. „Du hast eh nichts dagegen, oder?“ Ich setzte ein Breitmaulfrosch-Grinsen auf.

Nach ein paar Minuten kam Sophia, ging aber an uns vorbei und zu Maria hin. Sie flüsterte ihr ein „Hast Lust? Gehst mit?“ ins Ohr. „Lust habe ich immer“, Maria lächelte, „aber ich bin heute schon müde.“ „Ah, geh, komm!“ Sophia überredete Maria schließlich doch und kam zu uns: „Ihr habts eh nichts dagegen, wenn ich noch eine Freundin mitnehme? Das ist Maria!“ Maria stand neben ihr und lächelte uns an.

Gebirge stürzten ein, Vulkane brachen aus, diesmal wurde Walter vom Blitz getroffen.

Ich hatte mich schon ein wenig vom Schock erholt, sagte „Aber nein, gar nicht!“ Wir verließen das Lokal, die Herren schwebten, die Frauen kicherten.

Als wir beim Parkplatz waren, fiel Walter ein, dass wir ein Problem hätten. Er hatte ausgerechnet an diesem Tag bei seinem Minivan die Rücksitze ausgebaut. Mir war das gar nicht aufgefallen, ich saß ja vorne. Das hieß, man konnte hinten nicht sitzen, sondern nur liegen.

Sophia und Maria war das aber egal, sie legten sich hinten ins Auto, das wäre gar nicht so unbequem, sagten sie. Und schließlich war es ja auch nur für ein paar Minuten Fahrt.

Walter stellte den Rückspiegel neu ein, damit er die Mädels sehen konnte, mein Kopf war sowieso nur hinten zu finden, ich beobachtete die beiden liegenden Schönheiten. Allgemeine Unterhaltung, Scherze flogen, die Stimmung stieg. Die Damen spielten mit ihren Beinen, bei uns spielten die Gefühle verrückt.

In Leibnitz angekommen entschlossen wir uns, doch noch in ein anderes Lokal zu gehen, wir wollten in eine Cocktail Bar. Zwei Stunden später tanzte Maria mit Sophia im Lokal auf der Bar. Wir unterhielten uns köstlich. Doch die Bar sperrte dann zu, und wir gingen ins York weiter, einem typischen Aufrisslokal, recht groß.

Es dauerte eine halbe Stunde, bis wir der Mittelpunkt des Lokals waren. Wir tanzten zu den klassischen Party-Hits, wir tranken und amüsierten uns. Derbe Witze fielen, wir kamen uns näher, tanzten enger. Wir spielten das Spiel „Wetten, dass du mich nicht ins Bett bekommst?“

Und plötzlich war es 5 Uhr Früh. Sperrstunde. Lachend verließen wir das Lokal, gingen zum Auto. Maria wollte vorne sitzen, ich legte mich zu Sophia hinten hinein. Walter, der Schurke, fuhr absichtlich eine andere Strecke nach Hause, die war wesentlich kurviger. Anstatt dass ich mit Sophia herumschmusen konnte, wurden wir hinten hin und her geworfen, weil er die Kurven absichtlich scharf fuhr.

Und die Zeit verging viel zu schnell, Walter führte die Ladies nach Hause.

Als Walter und ich wieder alleine im Auto waren, fragte ich ihn: „War der Abend wirklich wahr?“ „So ganz kann ich es auch nicht glauben“, meinte er.

Mir kam plötzlich ein schrecklicher Verdacht. 1, 2, 3, 4, 5. Pfuh. 1, 2, 3, 4, 5. Nein, passt alles.

Wir stießen einen Jubelschrei aus und beglückwünschten uns gegenseitig. „Du, wir besprechen die Lage morgen bei einem Kaffee“, sagte er zu mir und verabschiedete sich. „Okay, schlaf gut und träum nicht zu wild“, sagte ich zu ihm.

***

Samstag. Kaffeehaussitzung am Nachmittag. „Na, wie legen wir es an?“ fragte ich Walter. Er grinste. „Sophia wäre mir für einen One-Night-Stand eigentlich zu schade“, meinte ich so überlegend. „Andererseits…“ Walter antwortete: „Wir gehen heute wieder ins Shakespeare und schauen, was passiert. Das wird wohl die einfachste Lösung sein.“

„Was anderes wird uns auch nicht übrig bleiben“, meinte ich. Kurze Pause. „Sie hat die Stimme eines Engels“, sagte Walter schwärmend. „Sie hat die Figur einer Göttin – und erst ihr Mund!“ setzte ich fort. „Ich glaube, uns hat es erwischt“, fasste Walter die Situa­tion zusammen.

***

Abend. Vor dem Shakespeare. Mir fiel auf, dass ich den ganzen Tag nichts Richtiges gegessen hatte, flauer, verliebter Magen.

„Bitte Walter, ich halte das nicht aus, gehen wir zuerst wo anders hin, ich brauche einen Beruhigungsspritzer“, bettelte ich. Doch er kannte keine Gnade, steuerte auf die Tür zu und sagte zu mir: „Waidmanns Heil!“ Ich antwortete gequält: „Waidmanns Dank.“

Ich öffnete die Tür, viele Menschen waren zu sehen, Sophia schwebte mir entgegen, lächelte mich an, ich wollte am liebsten vor Glück zerspringen. Aber ich brachte keinen geraden Satz heraus.

Walter ergriff die Initiative: „Hallo Sophia! Ausgeschlafen? Geh, sei so lieb und bring uns zwei Spritzer!“ Ich wollte zu Sophia auch etwas sagen, brachte aber meinen Mund nicht auf.

Walter schaute sich um. „Hast du sie gesehen?“ „Wen? Maria?“ Ich suchte nun auch. „Nein.“ Sie war nicht da. Walter wurde unruhig. Kommt sie noch? Oder nicht? War das gestern nur ein Kurzflirt?

Sophia hatte viel zu tun. Als sie die Getränke brachte, fragte Walter sie: „Weißt du, wo Maria heute ist?“ „Nein, leider, ich weiß es nicht. Vielleicht ist sie schon im York?“ antwortete sie.

Geplauder zwischen mir und Walter. Angespannte Lage. „Schaut’s ihr heute noch ins York?“ fragte Sophia, die gestresst vorbeischaute. „Ja, haben wir schon vor“, antwortete Walter. „Ich hab heute noch viel zu tun, werde wahrscheinlich erst um 2 Uhr aufhören können. Aber ich will heute auch noch ins York“, antwortete sie.

„Sie hat jetzt eh keine Zeit für dich, gehen wir gleich ins York!“ forderte Walter mich auf. Wir gingen. Im York suchte Walter das Lokal wie ein Besessener nach Maria ab. Sie war nicht zu finden.

Im Lokal war auch nicht so viel los wie am Vortag. Überhaupt waren keine schönen Frauen anwesend, stellten wir beide betrübt fest.

Die Zeit verging nicht, wir langweilten uns. Sterbensöde war es. Ich sah überall Uhren – und die Zeiger bewegten sich einfach nicht. Wir versuchten, uns zu unterhalten, waren aber mit unseren Gedanken weit weg.

Endlich war es nach 2 Uhr. Ich hatte in der Zwischenzeit schon mindestens hundert Mal auf die Uhr gesehen. Wir standen an der Bar. „Einen doppelten Whisky, bitte!“ Ich versuchte, mir Mut anzutrinken. Und genau in dem Moment, wo ich mein Glas ansetzte, kam Sophia bei der Tür herein.

Allerdings mit einem anderen Mann, Hand in Hand. Ich sah sie, trank meinen Whisky auf einen Satz aus und bestellte gleich noch einen.

„Viel Glück mit Maria“, sagte ich resignierend zu Walter. „Ich gebe auf“, sagte ich, „dieses Rabenvieh! Gestern mit mir – und heute mit einem anderen! So ein Luder!“ Ich betrank mich hemmungslos, redete zwischendurch mit Sophia, ließ aber kein Wort über die Situation fallen. Eine große schwarze Gewitterwolke schwebte über meinem Kopf. Ich haderte mit meinem Schicksal.

Walter hatte die Hoffnung aufgegeben, Maria an dem Tag noch zu sehen. Betrunken und frustriert verließ ich das Lokal, Walter folgte mir. Das hatten wir auch noch nie erlebt, dieses intensive Wechselspiel innerhalb so kurzer Zeit. Gestern schlug bei uns der Blitz ein, heute war schon alles abgebrannt.

Ich lenkte mich die nächsten Tage ab, um diese Niederlage zu verdauen, hörte Heavy Metal. Im Altenheim hängte ich mir ein Schild um, auf dem stand: „Vorsicht, bissiger Zivildiener“.

<< 22. Altenheim Hölle | 1. Brennendes Verlangen | 23. Unerhörte Liebe >>

Kommentar verfassen