6. Blind Date

Blind Date | Foto: © igor - Fotolia.com

Blind Date | Foto: © igor – Fotolia.com

Dann kam der Tag des Blind Dates. Ich wunderte mich, warum ich so aufgeregt war. Vielleicht ist es der Reiz des Neuen, dachte ich mir. Vielleicht wollte ich die Tage zuvor nur sicher gehen, dass da nichts mit den anderen wird. Um mich dann endlich befreit der Traumfrau zu widmen, von der ich nicht einmal wusste, wie sie aussah.

Ich war hin und her gerissen und den ganzen Tag gereizt. Ich konnte auch nicht an irgendwelchen Geschichten arbeiten. Wie sieht sie aus, das fragte ich mich die ganze Zeit. Ich ging meinem Wohnungskollegen gewaltig auf die Nerven.

Wo soll ich mit ihr nur hingehen? Ich rief einen Freund an, der mir „vernünftige“ Ratschläge gab.

„Am besten nimmst du gleich deine Hausschuhe zum Date mit, das macht einen ordentlichen Eindruck. Schließlich willst du ja gleich bei ihr einziehen. Pyjama wäre nicht so wichtig, könnte aber auch nicht schaden. Am besten, du packst gleich eine Reisetasche zusammen!“ riet er mir. Ich verfluchte ihn liebevoll.

Schon um 19 Uhr 30, geschlagene 2 Stunden und 30 Minuten vorher, begann ich mit meinem Aufputz. Ich nahm ein entspannendes Bad. Ich bade sonst eigentlich nie. Ich erkannte mich selbst nicht wieder. Normalerweise mache ich ja alles erst im letzten Moment.

Ich begann dann, mich anzuziehen. Ich war überhaupt überrascht, dass ich so lange für mein Outfit brauchen konnte.

Sie hat gesagt, den typischen Hippi-Studenten mag sie eigentlich nicht. Okay. Steht sie auf nobel? Ist sie eine Durchschnittsstudentin? Uff, das kann ja heiter werden. Wenn ich sie doch schon ein bisschen näher kennen würde!

21 Uhr. Ich verließ Kaugummi kauend das Haus. Hoffentlich finde ich den Eissalon gleich, dachte ich, in diesem Teil von Wien war ich noch nie. Warum kommt denn der Bus nicht? Alles, nur keine Verspätung!

Umsteigen. Nächste Linie.

Okay, das ist der richtige Platz. Wo ist nun dieser Salon? Sie hat gesagt, er ist gleich zu sehen. Aha, dort drüben.

Beim Überqueren der Straße wurde ich fast von einem Auto überfahren. Ich steuerte zielstrebig auf den Salon zu, nichts konnte mich mehr aufhalten.

Vorsichtiger Blick durch die Scheiben. Ist sie das dort hinten? Oder das dort drüben? Eine von den beiden musste sie wohl sein. Ich öffnete mit verschwitzten Händen die Tür. Wo setz ich mich hin? Geh unauffällig, bitte, befahl ich mir. Endlich konnte ich mich für einen Tisch entscheiden.

Nachdem ich mich niedergesetzt hatte, hörte ich ein leises Kichern der beiden Kellnerinnen hinter der Theke. Schweißausbruch. Nur keine Panik! Ich versuchte, mich selbst zu beruhigen. Ich wusste nicht, was ich tun sollte. Ich griff unbeholfen und ungeschickt zur Eiskarte.

Ich sollte doch Stracciatella-Eis bestellen! Warum schau ich denn überhaupt in der Eiskarte nach? Zeitvertreib. Die Zeit wollte nicht vergehen. Wer ist sie jetzt? Nicht umdrehen! Die eine würde mir nicht schlecht gefallen. Nicht hinschauen! Obwohl ich schon Schönere gesehen habe…

„Was darf’s sein?“ fragte mich eine weibliche Stimme mit einem angenehmen Lächeln.

Ist sie das? Die Stimme kam mir bekannt vor. Oh Gott, ich bringe kein Wort heraus, dachte ich. „Hm, äh, ja, bring mir einen Eiskaffee, bitte!“ sagte ich zu ihr. Hoppla, so war das aber nicht geplant! Umbestellen half auch nichts mehr, sie war ja schon weg. „Nur die Ruhe“, dachte ich.

Warten. Die Zeit verging nicht. Ich war ein einziger Schweißfleck. Hoffentlich bin ich nicht rot im Gesicht, dachte ich. Das hätte mir gerade noch gefehlt. Entspann dich doch! Es kann ja fast nichts schief gehen…

Dann kam sie endlich mit dem Eis. „Einen Eiskaffee, bitte schön!“ sagte sie zu mir.

„Danke, äh, ich hab gehört, dass ihr kein schlechtes Stracciatella-Eis haben sollts“, antwortete ich.

„Also bist du es doch!“ sagte sie.

Verlegenes Grinsen meinerseits. „Ja, hallo“, sagte ich.

„Und ich bin Claudia.“

Ich schüttelte zaghaft ihre Hand. Augenkontakt. Sekundenlanges Schweigen. Aber ich rettete irgendwie die Situation und sagte: „Und, hast du heute schon viel arbeiten müssen?“

„Na ja, es geht, heute war weniger los. Aber wart einen Moment, ich hab gleich Zeit, ich muss nur die Leute dort drüben bedienen.“

„Ja ja, lass dir nur Zeit, nur keine Hektik.“

Sie ging zum Nebentisch, ich betrachte sie von hinten. Sie hatte ein grün-weiß gestreiftes Servierkleid an.

21 Uhr 50 und 27 Sekunden. Sie kam wieder zu mir.

„Am besten ist es, wenn du beim Rosenberger gegenüber wartest. Ich muss nämlich noch mit meiner Freundin das Lokal putzen. Das wird leider noch so ca. 20 Minuten dauern“, sagte sie zu mir.

Ich ging also zum Rosenberger, einem Schnellimbiss-Restaurant. Setzte mich – gezeichnet – an einen Tisch. Hungrig war ich eigentlich schon. Oder auch nicht. Ich wusste es in diesem Moment nicht. Also ließ ich den Kellner warten. Ich bestellte dann doch einen Salat, der allerdings entsetzlich schmeckte.

Die 20 Minuten dauerten J-a-h-r-e. Und dann, ja dann, dann kam der große Augenblick. Sie erschien. Meine Augen, Ohren und der Mund blieben offen. Hatte ich am Anfang nicht richtig hingesehen? Ist das überhaupt die gleiche? Ist das wirklich die Claudia? Ein Aussehen, zum Verlieben!

Sie war etwas kleiner als ich, hatte ihre braunen Haare zusammengebunden und einen wahnsinnig scharfen, weißen Body an. Darüber eine weiße Bluse, einen schwarzen Lederbock, eine Jean, dazupassende, grüne Stöckelschuhe. Vorne stimmte es und hinten erst recht. Ein allerliebstes Gesicht und Augen, Augen zum Verlieben. Kurz gesagt: Mein Traum stand vor mir in ganzer Erfüllung.

„Das muss ein Traum sein!“ dachte ich mir. Ich schaute auf die Uhr. Zumindest wusste ich die Uhrzeit meines Traums. Sie ist ein Traum! Ich will sie! Sofort, auf der Stelle! Wahnsinn!

Aber irgendwo musste doch der Haken sein! So viel Glück auf einmal kann mir doch gar nicht passieren. Wo ist er?

Endlich hatte ich ihn gefunden. Er kam gleich hinter ihr. Aber er war eine sie, nämlich ihre Arbeitskollegin. Sie ging mit. Na schön…

Lokalverhandlung. Wo sollte sich der Abend fortsetzen? Wenn da nicht die Freundin gewesen wäre! Mist! Die hat die Claudia sicher absichtlich mitgenommen. Ich bin wohl eine Enttäuschung für sie. Reiß dich zusammen!

Der Kellner schaltete sich ein. Der kannte die beiden Frauen schon seit längerem, stellte sich heraus, er war ein alter Freund. Oh Gott, der wollte auch noch mit! Ich saß wie ein Boxer angezählt in der Ecke.

Wir fuhren zum „Bierbaron“. Der Kellner würde in ein paar Minuten nachkommen, nach seinem Dienstschluss. Schlechter kann es nicht mehr werden, dachte ich. Falsch gedacht. Der Kellner nahm auch noch einen Freund mit.

Ich bestellte missmutig ein Glas Bier, ließ mir nach außen aber nichts anmerken. Mein erstes Rendezvous mit vier Leuten, die ich nicht kannte, nicht schlecht, ein neuer Rekord.

Claudia ginge öfters in das Lokal, erzählte sie mir. Wir saßen an einem großen Tisch, der Platz für zwölf Leute hatte. Und kaum saßen wir, setzten sich noch zwei weitere Männer dazu, einen kannte der Kellner, der andere kannte die Freundin von Claudia. Ich faselte irgendein belangloses Zeug.

Nachdem ich mein erstes Bier getrunken hatte, kam freudestrahlend eine ältere Frau zum Tisch. Es war Claudias Tante, die sich gleich dazusetzte.

So eine Freude! Schon so lange nicht mehr gesehen! Und wer ich denn sei? Wir erzählten kurz von unserem Blind Date. Ihre Tante grinste verschmitzt und wünschte uns viel Glück. Endlich wollte sie gehen, aber Claudia überredete sie, doch noch ein bisschen zu bleiben.

Als ich im Klo war, überlegte ich mir, ob ich mir gleich die Kugel geben sollte. Oder sollte ich vielleicht noch auf die endgültige Hinrichtung durch Claudia warten? Meine masochistische Ader verbot es mir, einfach durch die Hintertür zu verschwinden.

Also ging ich noch einmal zurück zum Tisch. Da waren inzwischen ein paar neue Leute dazugekommen, ein paar gegangen. Die Tante war weg, endlich. Ich setzte mich in die Nähe von Claudia, neben ihr war kein Platz frei. Neben ihr saß jetzt ein älterer Herr.

„Darf ich dir vorstellen, das ist mein Vater!“ sagte Claudia zu mir. Ich grüßte ihn höflich. Mir war ja eh schon alles egal, also unterhielt ich mich mit ihm. Er fragte mich vor allen Leuten in einem sehr ernsten Ton, ob ich denn einen Aids-Test dabei hätte, er wolle nämlich nur das Beste für seine einzige Tochter.

Ich antwortete verblüfft „Nein, natürlich nicht.“ Darauf war ich wirklich nicht gefasst. Claudia flüsterte mir zu, dass alles nur ein Spaß sei, ihr Vater wäre eben so. Und dann fragte er die Leute am Tisch: „Was heißt Aids auf ungarisch?“ Schweigen.

„Buda-Pest natürlich!“ sagte ihr Vater. Der Höhepunkt war dann seine Frage: „Kennt ihr meine sieben Hobbys? – Nein! – Sex und Saufen!“ Was für ein Brüller!

Es kamen dann noch ihre Mutter, ihre drei Cousinen und ihr Cousin, – der hatte nur mehr ein Auge, – zwei Onkel, einer mit Vollbart, einer ohne, deren Stiefbrüder mit Familie und die geschiedene Frau ihres Bruders, die ist Nymphomanin, aber schon in Behandlung.

Claudias Bruder konnte leider nicht kommen, er wäre gerade in Spanien auf Urlaub und untröstlich, ich wurde ihm aber telefonisch vorgestellt.

Ich kann mich auch noch an fünf ihrer Schulfreunde erinnern, einer ist damals sitzen geblieben, einer hatte einen gutartigen Gehirntumor, der andere konnte ausgezeichnet Flöte spielen. Wer die anderen 30 Leute waren, das hab ich dann vergessen.

Nachdem ich allen vorgestellt worden war, stimmten die Gäste über den weiteren Verlauf meines Lebens ab.

Das Ergebnis: 0,2% befürworteten Gruppensex, 11,8% waren für eine sofortige Heirat, 26,3% für meine Kastration und 61,7% waren dafür, dass ich barfuß eine zehnjährige Pilgerreise zum Fuße des Yang Tse Hui machen müsse, das ist ein sehr spiritueller Berg.

Ich war überrascht über das eindeutige Ergebnis, zog meine Schuhe aus und machte mich auf den Weg nach China. Ich winkte Claudia zum Abschied zu und bat sie, auf meine Rückkehr zu warten.

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