22. Altenheim Hölle

Hölle | Foto: © Andrey Kiselev - Fotolia.com
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Mann, bin ich müde. Ich bin eigentlich auch noch gar nicht richtig wach. Es ist ungefähr 8 Uhr Früh, ich bin im Altenheim und „zur Pflege“ eingeteilt. Das heißt, ich muss Oldies waschen, anziehen, Betten machen usw. Weil eine Schwester krank ist, bin ich ganz allein für meine Oldies unterwegs. Frau Berta habe ich schon gewaschen, sie sitzt schon im Rollstuhl und fährt am Gang entlang.

Ich gehe ins nächste Zimmer, es ist zwar ein Doppelzimmer, aber derzeit nur mit einem Mann belegt, sein Name ist Adolf. Adolf hat nur mehr ein Bein, er ist nach einem Schlaganfall halbseitig gelähmt. Sprechen kann er nicht mehr, nur mehr eine Art undeutliches Grunzen kann er von sich geben, das man aber nicht versteht. Eine Hand kann er noch halbwegs verwenden, die andere ist gelähmt.

Ich muss mich beeilen, habe nicht viel Zeit. Es stinkt ein wenig im Zimmer, ich lüfte es. Bereite das Waschzeug vor. Ich denke mir die ganze Zeit, dass Adolf mit jemandem eine Ähnlichkeit haben könnte, ich komme aber nicht darauf, mit wem.

Adolf ist schlecht gelaunt, ich tue ihm unabsichtlich beim Wechseln der Hose weh. Er versucht sofort, mich mit seiner gesunden Hand zu hauen. Er sagt dabei so etwas Ähnliches wie: „Gnarrrfff, rrrrzzzzzchhh, zack, mmmmmmpff, goooorrrrzzzzzz.“ Das erbost mich, ich werde zornig.

Aber die Glocke läutet, deshalb muss ich ins Nachbarzimmer gehen, Frau Maria will etwas. Und als ich wieder zum Zimmer von Adolf zurückgehe, fällt mir das Türschild auf. An jeder Tür stehen die Namen der jeweiligen Bewohner. Bei Adolfs Zimmer steht „Adolf Hitler“. Ich denke mir, dass das seltsam ist, und gehe wieder zu ihm ins Zimmer.

Also ist er gar nicht im Bunker gestorben? Aber wie ist er nach Eibiswald gekommen? Und warum hat das niemand vorher entdeckt? Es muss wohl eine geheime Verbindung geben, denke ich mir. Da liegt also im Pyjama der weißhaarige Adolf Hitler vor mir im Bett, und ich wasche ihn. Heute ist er ja ziemlich rabiat und grunzt weiterhin im Bett.

Ich finde, dass er eine Lektion verdient hat. Der kann mit mir nicht so umgehen, ich mache ja auch nur meine Arbeit. Ich nehme den Rasierapparat und rasiere seinen Oberlippenbart ab. Er versucht zwar, sich mit aller Kraft zu wehren, aber er hat keine Chance. Danach creme ich sein Gesicht ein und ziehe ihn an, er besitzt nur mehr ein paar alte Hosen und Hemden. Ich setze ihn in seinen Rollstuhl, er weint.

Ich bin sehr zufrieden mit mir und verlasse das Zimmer wieder. Am Gang zähle ich meine Finger. 1, 2, 3, 4, 5, 6. Komisch. 1, 2, 3, 4, 5, 6. Hey! Ich habe sechs Finger! Schön ruhig bleiben! Nicht zu sehr freuen! Aha, das ist also ein Klartraum. Sehr interessant. Ich gehe zurück zu Hitlers Zimmer. Aber der ist verschwunden, das Zimmer ist leer. Ich drehe mich um, gehe zum Zimmer gegenüber.

Da steht „Iosseb Bessarionis dse Dschughaschwili“ an der Tür. Aha, Stalin ist also auch im Heim. Ist auch klar, er hatte auch einen Schlaganfall. Aber dass er das so lange überlebt hat …? Ich gehe zu ihm ins Zimmer und rasiere ihm auch den Bart ab.

Fremde Männer zu rasieren ist gar nicht so einfach, wenn man kein gelernter Frisör ist. Beim Abrasieren des Bartes von Fidel Castro brauche ich eine halbe Ewigkeit. Dann gehe ich ins Zimmer von Slobodan Miloševic, aber der ist schon rasiert und hat keinen Bart. Dann wache ich auf.

***

Der Traum ging mir länger durch den Kopf. Diesmal schaffte ich es auch schon ohne Ulrike, die wichtigsten Dinge selbst zu interpretieren. In einem Traum geschieht oft etwas, was man die Tage zuvor erlebt hat. Und im Heim gab es tasächlich einen Bewohner, den man den Vollbart aus hygienischen Gründen abrasieren musste. Er war danach todtraurig und starb bald. Die Rasur war für ihn eine schlimme Strafe. Vielleicht wurde er im Zweiten Weltkrieg gefangen und zwangsrasiert?

Außerdem fiel mir auf, dass die Bösewichte in meinem Traum ein wenig an Schrecken verloren hatten, als sie rasiert waren.

Ulrike war mit meinen Ausführungen schon recht zufrieden. Sie merkte noch an, dass eine Rasur bei einem anderen bedeuten kann, dass ein verübtes Unrecht wieder gut gemacht wird, oder dass jemand seine Schulden zurückzahlt.

Wenn man seinen eigenen Bart in einem Traum abschneidet, so hat man Angst vor sexuellem Versagen, schloss sie ihre Erklärungen ab. Ich wiederholte ausdrücklich, dass ich andere rasiert hatte.

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