7. Schreitherapie

Die Schreitherapie | Foto: © olly - Fotolia.com
Die Schreitherapie | Foto: © olly - Fotolia.com

Nächster Tag. Ich war schlecht gelaunt. Vier Gelegenheiten – und keine einzige Bettgeschichte. Und gestern so ein Reinfall mit dem Blind Date. Ich rief meinen Freund an und sagte den Fußballabend ab. Ich war überhaupt nicht in der Stimmung dafür.

Am frühen Abend kam mein Freund trotzdem zu mir und zerrte mich aus der Wohnung. Wir machten uns auf den Weg zum Ernst Happel Stadion. Was für ein Versager ich doch wäre, jammerte ich ihm vor. Und dann fragte er mich: „Hast du schon geschrieen?“

„Was, geschrieen? Wieso?“ fragte ich. „Hast du schon deinen Ärger laut raus geschrieen?“ „Nein, natürlich nicht“, antwortete ich. Ich kann doch nicht einfach so schreien. Und in der Stadt schon gar nicht, da können mich ja alle hören! Und das wäre mir doch sehr unangenehm.

Er erzählte mir, dass es in der Stadt genügend Plätze gäbe, wo man schreien könne. Auto hatte ich aber keines, das wäre die einfachste Möglichkeit gewesen: Sich ins Auto setzen, Musik laut aufdrehen, in der Stadt herum fahren, und dann los: „AAAAAAAAAAAAHHHHHHHH!!!!“ Und gleichzeitig ordentlich aufs Lenkrad eindreschen.

Ich sollte das gleich einmal machen, gleich hier in der U-Bahnstation. „Na, los!“ forderte er mich auf. Ich holte also tief Luft, aber heraus kam statt eines Schreies etwas, was wie ein „Grrrrrrmpf…“ klang. „Nein, so wird das nichts“, sagte er.

Im Wurstel-Prater, dem Wiener Vergnügungszentrum, kann man sicher schreien, sagte er zu mir, da gäbe es einige interessante Plätze. Eine Kabine des Riesenrads ist weniger geeignet, weil sie nicht schalldicht genug ist. An Sex im Riesenrad ist auch nur relativ kurz zu denken. Erstens, wenn man zu zweit eine Kabine alleine hat und zweitens, wenn man wirklich weit oben ist. Aber das fällt auch sofort auf, weil die Kabine entsprechend zu schaukeln beginnen würde.

In der Geisterbahn kann man nur kurz schreien, und auch nur, wenn viel los ist, damit die Leute draußen nicht sofort wissen, wer geschrieen hat. Bei der Achterbahn hat man nur ein paar Sekunden Zeit, um zu schreien, dann, wenn es bergab geht. Und ein Ticket ist gar nicht so billig.

Man kann aber auch zu einem Bahnhof gehen. Wenn ein langer Güterzug an einem verlassenen Bahnsteig vorbei fährt, würde das so laut sein, dass das Schreien niemand hören würde. Aber dann müsste man schon den genauen Zugplan wissen, sonst wartete man ja ewig.

Endlich waren wir im Stadion. Es spielte Österreich gegen die Schweiz. Es war zwar ein Freundschaftsspiel, trotzdem war das Praterstadion relativ gut gefüllt, halb voll, so schätzte ich. Wahrscheinlich hat es wieder eine große Gratis-Aktion bei den Eintrittskarten gegeben. Mein Freund riet mir, hier meine Schrei-Therapie zu machen. Ich sollte mir also im Stadion meinen Frust aus dem Leib schreien, hier würde es überhaupt nicht auffallen.

Das Spiel fing großartig an. Gleich zu Beginn foulte ein Schweizer einen Österreicher schwer. „So eine Saaaauu!!!!!“ schrie ich noch etwas zaghaft.

Diesen Schrei „So eine Sauuuuu!“ widmete ich auch meiner Wurstverkäuferin, die mir neulich verdorbenes Fleisch verkauft hatte. Weiters einem Politiker, dessen Aussage mich geärgert hatte.

Dann gab der Schiedsrichter ein Elfmeter Foul nicht. „Schiri, du Trottel!!!!!! Kauf Dir einen Blindenhund! Das gibt’s ja nicht! Das war ein Foul!!!! So ein Trottel!!!“ Ich fing an, wie Rumpelstilzchen persönlich herumzuhüpfen.

Diese Schreie reinigten meinen Ärger über Claudia. Eigentlich ist der Abend ja ganz lustig gewesen, wenn man Humor hat. Und sie ist ja sowieso nicht mein Typ. Und wer will schon mit einer Frau zusammen sein, die mit hunderten Männern samt Familie gleichzeitig ausgeht? Und außerdem ist ihr Vater ja unmöglich. Nein, sie hat mich ja gar nicht verdient!

Dann fiel das erste Tor für Österreich: „Toooooooorrr AAaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaahhhhhhh!!!!!!“

War das eine Erleichterung! Dieser Schrei erlöste mich von meinem Ärger über den Zivildienst. Ach, war das herrlich!

Der Schiedsrichter, dieser Hurensohn, hatte dann unseren Spielern noch zwei gelbe Karten gegeben, das waren nie welche. Solche Schauspieler, diese Schweizer! Diese Arschlöcher! Was der Schiedsrichter da zusammen pfiff! „Das war Abseits!!!!!!!!!!!! Das ist ja nicht zum Aushalten!“

Diese Schimpf-Einlage bereinigte auch den letzten Streit mit meinem Vater, der wieder einmal Recht behalten wollte. Aber mein Vater hat ja überhaupt keine Ahnung, der soll seinen Mund halten… ist doch wahr…

Ich schrie dann auch beim Ausgleich der Schweizer mit. „Tooooooooooooorrr AAaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaahhhhhhh!!!!!!“

Sie müssen das verstehen, die Eintrittskarte ist sehr teuer. Wenn man da schon eine Schreitherapie macht, muss man wirklich jede Gelegenheit nutzen. Die Leute, die um mich herum saßen, waren zum Glück keine Hooligans und hatten großteils Verständnis für meine Reaktion. Einer fragte mich, ob ich denn verheiratet wäre.

Die Österreicher gewannen schlussendlich glücklich mit 2:1. Ich hatte nach dem Match keine Stimme mehr. Mein Freund klopfte mir anerkennend auf die Schulter, gut hätte ich das gemacht! Ich fühlte mich ganz entspannt und befreit von allen Lasten dieser Welt.

Nach dem Spiel ist mir das aber schon etwas peinlich gewesen. Habe ich wirklich „Hurensohn“ von mir gegeben? Noch viel ärgere Sachen? Am nächsten Tag schrieb ich zur Beruhigung meines Gewissens eine Email mit einer Erklärung an den Schweizer und Österreichischen Fußballbund und an die Schiedsrichter, in der ich mich für mein Verhalten und für meine Schimpfwörter außerordentlich entschuldigte.

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