28. Eifersucht

Eifersucht | Foto: © frabimbo - Fotolia.com
Eifersucht | Foto: © frabimbo - Fotolia.com

Walter nutzte die Zeit und recherchierte. Er versuchte, vieles über Maria in Erfahrung zu bringen. Er fand heraus, dass ihre Eltern eine kleine Firma hatten. In der Firma gab es ein Faxgerät. Um einen Anfang zu machen, schickte er Maria ein Fax.

„Sitze gerade vor dem Computer, das Arbeiten macht mir heute keinen Spaß, da ich daran denken muss, welchen wir vorige Woche hatten. Liebe Grüße, Walter.“

Nächstes Wochenende. Ich ließ mich von Walter schweren Herzens überreden und ging mit ihm ins Shakespeare. Sophia lächelte uns beiden wieder entgegen, sie freute sich, uns zu sehen. Meine Gefühle spielten immer noch verrückt, ich war innerlich hin und her gerissen. Nach außen hin gab ich mich gelassen.

Maria erschien. Freudestrahlend begrüßte sie uns, zuerst Walter. Sie hatte noch jemanden im Schlepptau, Robert, ihren Nachbarn. Ich lächelte still, weil ich glaubte, Maria würde mit Walter dasselbe machen wie Sophia mit mir. Walter durfte sich den ganzen Abend mit Robert unterhalten. Ich war voller Schadenfreude und plauderte mit Maria. Wir erzählten uns derbe Witze.

„Eine Blondine geht in den Zoo. Der Affenkäfig ist offen, ein Gorilla kommt heraus, packt die Blondine an den Haaren und zerrt sie in den Käfig. Dort vergewaltigt er sie von vorn bis hinten, von oben bis unten usw. Der Notarzt kommt, liefert die Blondine ein. Nach ein paar Tagen bekommt sie von einer Freundin Besuch. Sie fragt: `Wie geht’s Dir?‘ Die Blondine antwortete: ‚Weißt, schlecht, er ruft nicht an, er schreibt nicht …‘“ Wir lachten.

Mit ein paar gezielten Fragen fand ich ein paar Einzelheiten über Maria heraus. Sie studierte Soziologie im ersten Semester, damit sie die Welt einmal besser verstehen könnte, wie sie meinte. Sie war Everybodys Darling, wollte mit jedem, konnte mit jedem, musste mit jedem, sie war eine sehr konträre Frau. Eine raue Schale verbarg einen zart-süßen Kern, sie war eine gute Schauspielerin, setzte gerne viele Masken auf, war voller Energie.

Sie spielte gerne ihre Spiele, war ein wenig naiv, zumindest schien es so, aber das half schon immer weiter. Maria war offen für alles. Das Fremde, das Neue zog sie magisch an, sie war so neugierig, sie wollte lernen, alles aufsaugen, dadurch kam vieles auf einmal auf sie zu, und im Endeffekt entwickelte sie sich nur mühsam weiter.

Sie war eine liebenswerte Person mit ein paar kleinen Kanten, schönen Rundungen, die es vielleicht einmal zu etwas bringen. Es fehlte ihr nur jemand, der ihr Gegenstück bilden konnte. Der zwar auch Energie hatte, aber bei dem sie sich zurücklehnen, bei dem sie sich ausruhen konnte.

Im York. Marias Nachbar war mit von der Partie. Walter war das natürlich gar nicht recht. Ich opferte mich für meinen Freund und unterhielt mich mit Robert. Robert war ein ganz trockener Typ mit vielen Tiefen, den man nur ein bisschen aus seinem Schneckenhaus herauslocken musste.

Alle tanzten wieder ausgelassen, wir hatten  unseren Spaß, vergnügten uns. Ich war stolz auf mich, dass ich stark genug war, nicht mehr alle Gedanken an Sophia zu verschwenden.

***

Die Tage vergingen. Business as usual. Walter versuchte, ein Stück näher an Marias Herz zu kommen. Er schickte ihr wieder ein Fax. „Hallo Maria … sehne mich nach dem Wochenende, da ich dich hoffentlich wieder treffen kann. Aber vielleicht bereitest du mir die Freude und du lässt dich von mir zum Essen einladen? Liebe Grüße, Walter.“

Maria war hin und her gerissen. Gut aufgelegt, schlecht gelaunt, alles ging bei ihr schnell, von einem Moment zum anderen. Sie freute sich über das Fax von Walter. Doch in dieser Woche hatte sie keine Zeit mehr für ein Abendessen. Schließlich musste sie noch mit ihrem Chor singen, in ihrem Verein Volleyball spielen und zur Entspannung Laufen gehen.

***

Drei Wochen später, Wochenende. Ich traf Walter bei einem Kaffee. „Und, wie schaut es aus? Wird was mit Maria?“ fragte ich ihn. „Ach, weißt, es geht einfach nichts weiter. Ich stehe bei ihr immer noch auf der gleichen Stelle. Sie hat mir zwar eine Karte geschrieben, aber mehr auch nicht. Ich bin ratlos. Dabei ist sie so eine tolle Frau!“ jammerte er.

„Du musst das bei ihr ganz anders machen. Probier es doch nicht auf direktem Weg, versuche, ein paar Wege rundherum zu gehen. Und dann, wenn du sie soweit hast, eroberst du sie im Sturm“, schlug ich ihm vor. „Ach, das ist nichts für mich. Entweder will sie gleich oder gar nicht. Das andere liegt mir nicht“, sagte Walter.

„Weißt, was komisch ist. Ich habe auch eine Karte bekommen. Und ich weiß nicht, von wem die sein könnte. Von einer Frau, ja, aber von welcher?“ fragte ich ihn.

„Hast du auf die Postleitzahl geschaut?“

„Ja, 8. Wiener Bezirk. Da kenne ich zwei Frauen. Aber die hab ich gleich angerufen und die schwören mir, dass sie es nicht gewesen sind“, sagte ich.

„Na, hast du eine stille Verehrerin?“

„Ich? – Geh, hör auf. Mir passiert so etwas doch nicht. Schon gar nicht in diesem Jahr. Gehst heute auch auf den Ball?“ fragte ich ihn.

„Welcher Ball? Ach so, ja. Ich weiß noch nicht. Möglich. Wenn Maria mitgeht“, antwortete er.

„Ich bin auf jeden Fall dort, muss meine alten Freunde wieder einmal treffen.“ „Na gut, vielleicht sehen wir uns noch.“

***

Der Ball war in Eibiswald, das „Krampuskränzchen“. Es ist immer ein Fixpunkt in der Ballsaison. Es findet im „Eibiswalder Festsaal“ statt. Es gibt zwei große Tanzflächen, eine im Parterre, eine im Keller, ein paar Bars. Im Parterre spielt meist eine Volksmusikgruppe, im Keller gibt es eine Disco. Ich schätze, dass rund 500 bis 1.000 Leute dort Platz haben.

Ich ging auf den Ball. Und obwohl es vor Leuten wimmelte, begegnete ich sofort Maria. Begrüßung.

„Was machst denn du da?“ fragte ich sie, „ist doch gar nicht dein Revier!“

Maria grinste mich an: „Ich bin mit Walter da.“

„Ah, Walter, wo ist er denn?“ fragte ich.

„Der hat irgendeinen Freund getroffen und steht an einer Bar. Ich will die zwei nicht stören und schau, ob ich noch ein paar Leute da kenne“, sagte sie zu mir.

„Ach so, gehst mit mir etwas trinken?“ fragte ich sie. Ich zog Maria zu einer anderen Bar, wir unterhielten uns.

Walter fand uns, er hätte gerade Michaela getroffen, erzählte er uns, das wäre eine Freundin von ihm. Ich seilte mich ab, wollte meine alten Freunde suchen, ließ Walter und Maria allein.

Ich traf auf Sabine. „Wow“, dachte ich mir, „die hat sich ja zu einer Frau gemausert. Hab sie schon Ewigkeiten nicht mehr gesehen.“ Ich ging zu ihr hin und begrüßte sie. Sabine war ein bisschen jünger als ich, ich kannte sie noch aus der Schulzeit, fand sie damals schon attraktiv.

Sie war extravagant angezogen, hatte ein langes Kleid mit einem langen seitlichen Schlitz an, was ihre Beine betonte. Sabine freute sich auch, mich wieder einmal zu sehen. Und ich freute mich, dass ihr langjähriger Freund nicht dabei war. Er war gerade im Ausland, erzählte sie mir. Wir unterhielten uns den ganzen Abend.

Maria passte gar nichts. Walter kümmere sich wenig um sie, ich hätte für sie auch keine Zeit und sonst kannte sie niemanden auf dem Ball, mit dem sie hätte reden können. Sie brauchte Aufmerksamkeit. Eifersüchtig beo­bachtete sie mich und Sabine aus der Ferne, was ich aber nicht bemerkte.

Die Zeit verging, es war vier Uhr. Ich verabschiedete mich von Sabine, sie gab mir ihre Telefonnummer, ich lächelte sie an. Walter kam mit Maria dazu. Er sagte, dass er jetzt auch gehen würde. Als wir draußen waren, verabschiedete ich mich von Walter und dann von Maria.

Maria schaute mich mit einem vernichtenden Blick an, sie wollte mich am liebsten auf der Stelle auffressen, sie riss sich aber zusammen.

Sie war eifersüchtig! Das gibt es doch nicht!

Als ich das bemerkte, spielten meine Gefühle verrückt. Walter bekam von all dem aber nichts mit.

Während ich nach Hause ging, schossen mir tausende Gedanken durch meinen Kopf. „Sabine, wow, hat aber einen Freund. Das wäre wohl mühsam. Maria. Hm. Ja, Maria. Je näher ich sie kennen lerne, desto mehr gefällt sie mir. Ja, bin ich denn verrückt?“

Aber Walter hatte sie zuerst entdeckt. Punkt. Das konnte ich ihm nicht antun. Er war ja einer meiner besten Freunde. Andererseits… Ich beschloss, ein paar Nächte darüber zu schlafen.

<< 27. Der Fall | 1. Überdosis Wien | 29. Der Saboteur >>

Kommentar verfassen