17. Entführung durch Ausserirdische

Außeridische | Foto: © fergregory - Fotolia.com
Außeridische | Foto: © fergregory - Fotolia.com

Stellen Sie sich eine Betonwand vor. Und stellen Sie sich vor, Sie laufen mit Vollgas dagegen. Die Mauer rührt sich kein bisschen. Und jetzt stellen Sie sich vor, dass Sie versuchen, einen 92-jährigen Menschen zu ändern, das läuft auf das Gleiche hinaus.

Ich mochte Frau Gruber, weil sie einige Neurosen hatte. Außerdem war sie die Bewohnerin, die es am längsten im Altenheim ausgehalten hatte, über 20 Jahre, eine unglaublich lange Zeit. Sie war körperlich noch relativ fit und bewohnte ein Einzelzimmer im ersten Stock. Sie lebte relativ selbstständig, hatte aber ein paar Macken.

Man durfte zum Beispiel im Zimmer nichts verändern oder umstellen. Es war für sie furchtbar, wenn man z.B. Möbel verrückte, auch wenn es nur ein paar Zentimeter waren, das merkte sie sofort. Es musste bei ihr alles ganz genau nach Plan ablaufen, man durfte sich nicht verspäten.

Ein weiterer Spleen von ihr war, dass sie freiwillig nichts Essbares wegwerfen oder wieder hergeben konnte. Das war natürlich ein hygienisches Problem. Sie versuchte, Sachen vor uns zu verstecken, beispielsweise auf ihrem Balkon.

Sie empfing uns Zivildiener am Vormittag, wenn wir die Getränke austeilten, immer schon in ihrer Tür stehend, immer freundlich lächelnd – wie eine kleine Wetterhexe. Auf die Tür hatte sie ein „Kommissar Rex“ Poster gehängt, sie war ein riesengroßer Fan von ihm. Sie stand so vor der Tür, dass man nicht gleich hineingehen konnte. Man musste sie immer mit einem Trick überreden, damit man doch in ihr Zimmer kam, um z.B. alte Sachen mitzunehmen.

Es ging relativ leicht, fand ich heraus, wenn man sie in ein für sie interessantes Gespräch verwickeln konnte. Dann war sie mit ihren Gedanken abgelenkt, und schon war man im Zimmer.

Ihre größte Angst, die sie hatte, war, dass sie von Außerirdischen entführt werden könnte, erzählte sie mir eines Tages. Sie hätte da schon mehrere Artikel in ihrer Tageszeitung „Täglich Alles“ gelesen. „Täglich Alles“ war eine Boulevard Zeitung im Stile von „Kronen Zeitung“ oder der deutschen „Bild Zeitung“. Jedenfalls konnte man immer sehr reißerische Artikel in dieser Zeitung lesen, und Frau Gruber war eine begeisterte Leserin, die alles glaubte.

Und eines Tages hatte man von einer Entführung berichtet, die von Außerirdischen durchgeführt wurde, schrieb die Zeitung. Zuerst nahm ich die Angst von Frau Gruber nicht ernst, aber ich merkte dann schon, dass sie wirklich verstört wirkte.

Aber wie kann man einer 92-jährigen neurotischen Frau in einer vernünftigen Art beibringen, dass es nie und nimmer passieren würde, von Außerirdischen entführt zu werden?

Und da mir nichts anderes einfiel, fing ich an, ihr die Lichtgeschwindigkeit zu erklären. Das wären rund 300.000 Kilometer pro Sekunde, und nichts könne jemals schneller fliegen als das Licht. Von der Sonne bis zur Erde brauche das Licht rund acht Minuten, bis ans Ende unseres Sonnensystems schon mehrere Stunden. Und woher sollten denn die Außerirdischen kommen? In unserem Sonnensystem hätte man schon alles untersucht, da gäbe es keine, da wäre ich mir sicher.

Ja, und wenn es doch welche geben sollte, dann wohnten die sicher im Andromeda Nebel, in unserer Nachbar Galaxie, sagte ich zu ihr. Aber die Galaxie wäre ca. 2,5 Millionen Lichtjahre weit weg, und es sei auch immer nebelig dort. Man müsste 2,5 Millionen Jahre lang mit Lichtgeschwindigkeit fliegen, um von dort hierher zu kommen, und wer würde denn schon so alt werden? Also wäre es wirklich unmöglich, dass Außerirdische uns erreichten, schloss ich den ersten Teil meiner wissenschaftlichen Erklärungen ab.

Frau Gruber nickte tapfer. Es wäre viel zu risikoreich, auf die Fortpflanzung an Bord zu setzen, die Außerirdischen könnten während des Flugs aussterben, bevor sie uns erreichen würden. Um das Problem zu umgehen, könnten sie sich für die lange Reise einfrieren. Aber mit der Auftau-Technologie hätte man nur Schwierigkeiten. Und außerdem wäre ja auch gar nicht sicher, ob das Computerprogramm für den Auftauprozess überhaupt noch nach 2,5 Millionen Jahren funktionieren würde. Und ein Programm Update zwischendurch über Internet könne man auch nicht machen. Nein, es wäre wirklich sehr unwahrscheinlich, dass Außerirdische zu uns kommen.

Am nächsten Tag merkte ich, dass sie nicht so wirklich überzeugt von meinen Ausführungen war. Sie hätte nämlich noch mit anderen diskutiert, sagte sie zu mir, aber sie sei noch zu keinem befriedigenden Ergebnis gekommen.

Also musste ich mein Wissen über Einstein auspacken. Ich fragte sie, ob sie schon einmal etwas von der Formel „E = mc²“ gehört hätte. Sie verneinte. Ich erklärte ihr, dass das die berühmteste Formel der Welt sei. Sie heißt übersetzt: Energie ist Masse mal Lichtgeschwindigkeit zum Quadrat. Das bedeutet, dass es – rein mathematisch – unmöglich ist, Lichtgeschwindigkeit zu erreichen, wenn man Masse hat.

Und so ein Außerirdischer hätte sicher ein Gewicht, sagte ich ihr. Der könnte gar nicht rechtzeitig auf der Erde sein, weil er ja gar nicht mit Lichtgeschwindigkeit fliegen könnte.

Das leuchte ihr ein, sagte sie mir.

Am nächsten Tag erklärte ich ihr, dass ich doch eine Möglichkeit gefunden hätte, wie denn Außerirdische tatsächlich zu uns kommen könnten. Die Wahrscheinlichkeit wäre zwar relativ gering, viel geringer als zum Beispiel von einem Blitz getroffen zu werden. Aber auch wenn es unwahrscheinlich ist, Leute sterben tatsächlich auch immer wieder an Blitzschlag.

Doch ich hätte an diesem Tag viel zu tun, sagte ich ihr, und könnte ihr erst am nächsten Tag erklären, wie das funktionieren würde. Sie müsse mich nur daran erinnern.

Mit dieser Gemeinheit wollte ich herausfinden, ob sie noch in der Lage war, sich neue Sachen einen Tag lang zu merken.

Ihr Gedächtnis war tatsächlich noch gut in Schuss, das hatte sie sich jedenfalls gemerkt. Ungeduldiger als sonst wartete sie am nächsten Tag auf mich. Ich erklärte ihr, dass man die Lichtgeschwindigkeit austricksen könnte, wenn man ein Wurmloch bauen könnte. Das Wurmloch hieß wirklich so komisch, weil die Wissenschaftler kein anderes Wort dafür gefunden hatten.

Ich zeigte ihr meine Handfläche. Sie solle sich vorstellen, dass bei der Spitze meines Mittelfingers die Erde sei. Und am Beginn der Handfläche, bei der Handwurzel, wäre der Andromeda Nebel. Also, wenn man ein Raumschiff starten und es gerade aus zur Erde fliegen würde, dann käme es erst in Millionen von Jahren hier an. Aber so lange hätte kein Außerirdischer Zeit. Sie nickte.

Wenn es aber gelänge, den Raum zu krümmen – ich krümmte langsam meinen Mittelfinger und bewegte meine Fingerspitze zur Handwurzel – dann wäre die Entfernung viel geringer. Dann müsse man nur noch einen Tunnel bauen, eben dieses Wurmloch, und schon wäre man angekommen.

Aber dieses Wurmloch könne man auch nicht bauen, weil man dazu die Energie bräuchte, die 10.000 Sonnen herstellen, und das könnte sich keiner leisten. Also bestünde keine Gefahr, von Außerirdischen besucht zu werden.

Zum Glück war für sie am nächsten Tag die neueste Folge von Kommissar Rex interessanter, ich brauchte ihr nicht noch weitere Weisheiten der Astrophysik erklären.

Die einfachen Erklärungen für Frau Gruber brachten mich auf eine Idee, die ich mit Frau Anna weiterdiskutierte. Auch wenn sie es nicht offen zeigte, war ich überzeugt davon, dass sie meine Ideen wahnsinnig interessierten. Frau Anna war nämlich schon zu Lebzeiten in einem Paralleluniversum, zumindest ihr Geist. Ihr Körper ging den ganzen Tag im Heim auf und ab, sie setzte sich manchmal hin, stand dann wieder auf und ging weiter. Sie konnte noch tadellos Stufen steigen.

Wir mussten aber aufpassen, dass immer alle Außentüren zu waren. Frau Anna war nämlich schon einmal entwischt und in der Nähe der Straße unterwegs gewesen. Aber zum Glück ist nichts passiert, weil wir sie rechtzeitig entdeckten.

Auf meinen Vormittagsrunden nahm ich sie – wenn ich Zeit hatte – manchmal mit, um ein Auge auf sie zu werfen. „Also“, sagte ich zu Frau Anna, „gibt es eine Möglichkeit, ein Paralleluniversum zu erreichen?“ Sie sagte nach kurzem Überlegen „Ja“. Aber das sagte sie immer…

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Weitere Infos:

Einstein: Das Geheimnis unserer Zeit

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