15. Zivilschutz

Zivilschutz | Foto: © Spidi1981 - Fotolia.com
Zivilschutz | Foto: © Spidi1981 - Fotolia.com

Nachdem wir rund einen Monat im Altenheim gedient hatten, wurden wir „offiziell“ vom Staat drei Wochen lang in einem ehemaligen Kloster im Nachbarbezirk zum Zivildiener ausgebildet.

Ein Sammelsurium aus verschiedenen Menschen traf aufeinander. Wir wurden endlich auch über unsere Rechte und Pflichten informiert.

Alles in allem war auch der Grundlehrgang langweilig. Erste Hilfekurs, aus 10 Meter Höhe abseilen, Feuerwehr Übungen, das waren auch schon die Highlights.

Wir lernten, dass erwachsene Behinderte, wenn sie keinen Sex hätten, aggressiv oder depressiv würden. Nicht nur Behinderte, dachte ich.

Nur ein Tag war auch wirklich spannend, es ging um Zivilschutz, und wir hatten gleich zwei ausgezeichnete Vortragende.

Einer war Katastrophenschutz Beauftragter des Lan­des. Er spielte im Sandkasten die großen Katastrophen durch, die passieren könnten. Im Grunde ist man natürlich machtlos, aber man kann wenigstens einige Dinge vorbereiten und im Vorfeld ein paar Fehler vermeiden.

Er erzählte uns von einem Planspiel, bei dem in Graz in der Innenstadt, Nähe Hauptplatz, ein Giftgas Anschlag stattfinden sollte. Zur Verschärfung des Szenarios wählte man den dritten Advent-Einkaufssamstag, da sind am meisten Leute in der Stadt. Man müsse so rasch wie möglich 50.000 Leute aus dem Stadtkern evakuieren, was natürlich nicht einmal annähernd recht­zeitig funktionieren kann.

Er wollte uns auch nahe bringen, dass bei vielen Groß­veranstaltungen viel passieren könnte. Was wäre, wenn z.B. ein Pressehubschrauber während eines Formel 1 Rennens auf eine Zuschauer-Tribüne krachen würde? Die Vorstellung war zwar ganz interessant, aber da hat er die falschen Leute angesprochen. Die Formel 1 Fans sind alle geschlossen zum Bundesheer gegangen. Er musste sich mit uns Öko Schlaffis begnügen.

Interessanter war dann für mich, dass es im Bezirk Deutschlandsberg genau einen Strommasten gibt, der – wird er außer Gefecht gesetzt – die gesamte Stromversorgung im Bezirk unterbrechen kann. Natürlich verriet er uns nicht, wo dieser Masten steht. Auch hier spielte man verschiedene Szenarien durch. Tiefster Winter, 2 Meter Schnee und kein Strom.

Ohne Strom funktioniert rein gar nichts mehr in der heutigen Zeit. Die Supermärkte könnten ihre Türen nicht öffnen, sie bekämen keine frischen Waren. Man könnte bei der Tankstelle kein Benzin tanken, und die wenigsten Heizungen würden ohne Strom funk­tionieren. Zwei, drei Tage im Winter ohne Strom – na Mahlzeit.

Und nach all dieser grauen Theorie erzählte er uns eine wahre Geschichte, die ihm während des Jugoslawien-Kriegs passiert ist.

Anfang der 90er Jahre, kurz nach dem Fall der Berliner Mauer, zerfiel auch Jugoslawien. Slowenien erklärte sich gleichzeitig mit Kroatien unabhängig von Jugoslawien. Das wollten die Serben nicht hinnehmen und marschierten mit der Armee ein.

Ich ging damals noch in Deutschlandsberg zur Schule, war auf dem Weg zur Matura. Eibiswald ist keine 5 Kilometer Luftlinie von Slowenien entfernt. Die Situation war zwar nicht ganz so dramatisch, aber bei unserem Grenzposten sind auch Schüsse gefallen. Ich kann mich noch sehr gut an die jungen Rekruten erinnern, die gleich frisch an die „Front“ geschickt wurden. Man setzte bei uns nicht etwa erfahrene steirische Soldaten ein, die das Gebiet kannten – nein, es waren 18-19 jährige Oberösterreicher.

Es sind dann auch serbische Soldaten auf das österreichische Hoheitsgebiet in der Nähe von Bad Radkersburg gekommen. Angeblich hätte der damalige Landeshauptmann der Steiermark, Josef Krainer jr., verhindert, dass dem Bundesheer der Schießbefehl erteilt wurde. Die Serben erkannten auch bald ihren Irrtum und kehrten nach Slowenien zurück.

Einige Wochen, nachdem der slowenische Krieg beendet war, kämpften die Serben noch in Kroatien. Und eines Freitags Nacht in Graz bekam der Katastrophenschutz Beauftragte einen Anruf, dass am nächsten Tag in Graz ein Zug mit 2.000 Flüchtlingen eintreffen würde. Man wisse nicht, in welchem Zustand die Flüchtlinge wären, es wären hauptsächlich Frauen und Kinder. Gesichert wäre nur, dass das Essen rar gewesen sei, wahrscheinlich hätten einige tagelang nichts gegessen.

Mit Hilfsorganisationen wurde über die Unterbringung der Flüchtlinge gesprochen. Man hätte schon in der Nacht für fast jeden Flüchtling einen Platz gefunden. Was aber wirklich zum Problem wurde, war das Auftreiben von 4.000 Semmeln. Die Flüchtlinge sollten Semmeln mit Milch bekommen. Alles andere würden sie, wenn sie mehrere Tage gehungert hätten, nicht vertragen.

Er sagte, dass es nicht möglich war – auch bei den großen Bäckereien in Graz – am Samstag in der Früh 4.000 Semmeln am Stück extra aufzutreiben. Die Betriebe würden derart stückgenau produzieren, dass zwar ein paar Semmeln „zuviel“ wären, aber bei weitem keine 4.000 Stück. Seine Mitarbeiter mussten also viele Geschäfte abfahren, um die Stückzahl aufzutreiben.

Der Flüchtlingszug war für 10:00 am Samstag angekündigt. Aber er verspätete sich. Um zirka 11:45 kam er dann am Hauptbahnhof an. Man hatte schon ein Leitsystem für die Leute aufgebaut, damit man möglichst rasch die Leute in kleine Gruppen aufteilen und vom Bahnhof wegbringen konnte.

Doch dann geschah etwas, womit keiner gerechnet hatte. Es war Punkt 12:00, und in Graz fingen – wie jeden Samstag – die Feuerwehr Sirenen an zu heulen. Es diente einfach zur Überprüfung, ob sie noch funktionierten. Für die Grazer oder Steirer war das laute Signal nichts Ungewöhnliches.

Doch für die Flüchtlinge bedeutete das etwas anderes. Die glaubten nämlich, dass Graz in Kürze bombardiert werden würde. Sie fingen an, mit einer Geschwindigkeit wegzulaufen, als säße ihnen der Teufel im Nacken. Man kann sich gar nicht vorstellen, wie schnell die 2.000 Leute vom Grazer Hauptbahnhof verschwunden waren.

Der Beauftragte sagte, dass innerhalb von Minuten alle Leute weg waren. Und es dauerte Tage, bis man wieder alle – völlig verängstigt – gefunden hatte. Er nahm den Sirenen-Fehler auf seine Kappe. Er hätte daran denken müssen, erzählte er zerknirscht.

<< 14. Austritt | 16. Der Voodoo-Tod

Kommentar verfassen